16.9.09

Lu Dao und Deaflympics

Lu Dao – Die Grüne Insel

Der Leuchtturm von Lu Dao

Die zu Taiwan gehörenden kleinen Inseln sind derzeit neben dem Norden des Landes, da von Taifunschäden weitesgehend nicht betroffen, einige der wenigen Orte die man noch besuchen kann. Die Insel Lu Dao liegt mitten im Pazifik, etwa 35 KM östlich etwas außer Sichtweite von Taidong, einer der größeren Städte an der Ostküste Taiwans. Ungefähr so groß wie Norderney reist man normaler weise mit einer Katamaran-Schnellfähre an, ähnlich den Dingern die zwischen Hamburg und Helgoland verkehren. Da das Hafenbecken Taidongs derzeit aber noch durch mehrere angeschwemmte Festmeter Holz in Form von Baumstämmen aus dem Landesinneren blockiert ist steigen wir standesgemäß auf einen kleines Flugzeug um.


Anreise und Unterkunft


Eine wackliger kurzer Flug von 15 Minuten in einer kleinen klapprigen Dornier 28 bringt mich an einem Freitag Morgen alleine nach Lu Dao. Beim Flug wird sofort ersichtlich, das nicht nur das Hafenbecken Taidongs voller Baumstämme ist. Gleiches gilt auch für Taiwans Ostküste: Als ob Riesen eine Partie Mikado begonnen, dann aber die Lust verloren und das Spielgerät einfach liegen gelassen haben bedecken sie den Strand vor Taidong bis zum Horizont in nördlicher und südlicher Richtung.

Dornier 28 Schiffsschaukelflieger

Durch heftige Böen schaukelt der kleine Flieger wie eine Schiffsschaukel in einem Vergnügungspark. Er taucht und steigt munter von einem Luftloch zum nächsten. Die Kotztüte muss ich zum Glück trotzdem nicht zum Einsatz bringen. Hier hilft der alte Seefahrertrick gegen Seekrankheit: Einfach geradeaus über die Schulter der Piloten die Horizontlinie mit dem Auge fixieren und die Bewegungen der Maschine antizipieren. Ein räumlich getrenntes Cockpit gibt es in der kleinen Schleuder genauso wenig wie unnötiges Bordpersonal in Gestalt von Saftschubsen.

Die Landepiste des Flughafens entpuppt sich als eine Parallelstraße der einzigen Straße der Insel welche die Küstenlinie nachahmend die Insel umrundet. Von der Straße ist die Landepiste durch einen einfachen Jägerzaun getrennt. Eigentlich soll ich ich vom Flughafen abgeholt werden, das klappt aber irgendwie nicht wie geplant. Chi Hsuen, die erst am Abend nachreist, hat uns im Hostel eines Bruders des Schwagers einer Freundin (oder so ähnlich) untergebracht.

Zuerst reisst eine ältere Frau ungefragt an meiner großen Tasche und will dieses und mich auf ihren klapprigen Roller zerren (Taxis gibt es hier keine). Wie beim Tauziehen zerrt sie meine Tasche auf den Roller, ich ziehe sie zurück und halte dagegen, sie zerrt die Tasche und mich in einem weiteren Anlauf auf den Roller, ich steige ab und ziehe meine Tasche wieder zu mir zurück und ramme meine Füße in den Boden usw. Bald gibt sie auf und verzieht sich laut schimpfend.

Und irgendwann kommt dann doch das bestellte Abholkommando in einem rostig weißen Mitsubishi um die Ecke. Offensichtlich unter Drogen stehend, hier kauen alle den lieben langen Tag Betelnüsse und schlagen so erfolgreich benebelt Zeit und Hitze tot, deutet sie mir an, meine Klamotten in den Kofferraum zu verfrachten. Die Fahrt stoppt nach keinen drei Minuten auf dem Hof einer Mischung aus schäbig stinkendem Restaurant und Tauchbedarfsverleih.

Ich zeige ihr auf der Karte, wo ich eigentlich hin möchte – nämlich auf die ganz andere Seite der Insel. Sie zuckt mit den Achseln und verlässt das Auto. Zusätzlich weigert sie sich, später am Abend Chi Hsuen vom Flughafen abzuholen – wir seien schließlich nur zu zweit und keine Gruppe, sie möge sich doch einen Motorroller mieten und selber hierher kommen wenn sie nicht zu Fuß laufen möchte, vom Transfer von mehreren Personen wisse sie nix (weshalb ich ja versuche, es ihr zu erklären – was schwierig ist, da sie kein Englisch spricht und ihr dialektbehaftetes chinesisch schwer verständlich ist, was aber auch am ständig vollem Mund voller Betelnüsse und dem damit einhergehenden nuscheln liegen kann).

Strandpromenade Nan Liaos direkt vor Jacks Hotel am Abend

Also packe ich meine sieben Sachen und suche mir eine andere Unterkunft zu Fuß. Ein paar hundert Meter weiter finde ich sie in „Jacks Hotel“, das ich an dieser Stelle nur weiterempfehlen kann: Den Flughafen verlassen, die einzige Straße in südliche Richtung durch die Ortschaft Nan Liao folgen, nach etwa 1.5 KM liegt es auf der linken Straßenseite – 300m nach dem obligatorischen „Familiy Mart“ den es ja in jeder Kaff gibt. Das Hostel ist geschmackvoll eingerichtet und Jack hilft bei allem, das man hier braucht: Vermietung eines Motorrollers (braucht man hier unbedingt, sonst geht gar nichts!) und Teilnahme an Tauchgängen. Auch bei der Abreise zum Trocknen aufgehängte und vergessene Klamotten schickt er bei Bedarf, also bei uns, gerne mit der Post hinterher.

Später stellt sich heraus, das die Betreiberin des Hostels, das wir ursprünglich aufsuchen wollten, angeblich ganz kurzfristig in Taipei zu tun hat und gar nicht auf der Insel ist. Daher hat sie die Freundin eines Bruders ihres Schwagers (oder so ähnlich) gebeten, Chi Hsuen und mich bei sich im Hotel aufzunehmen und uns vom Flughafen abzuholen. Dumm nur, das sie uns von der Alternativunterbringung in abgeranzter Lage mit Meerblick nicht unterrichtet hat. Eine gute Möglichkeit dazu wäre der Anruf am Morgen der Abreise gewesen – da war aber noch alles in Ordnung, es sei alles organisiert und wir sollten uns keine Sorgen machen. Anlass zur Sorge bietet die Unterkunft in Jacks Hotel auch keine, hier fühlen wir uns pudelwohl und können das Wochenende auf der Insel geniessen.



Tauchen und Felsen


Wer als Tourist auf diese Insel kommt der hat vor allem Tauchen im Sinn. Je nach Lust und Laune kann man sich beim Schnorcheln von dem Zauber der Unterwasserwelt anfixen und lassen und dann direkt zum Flaschentauchen umsteigen – oder einfach sofort mit letzterem beginnen. Keine fünfzehn Meter vor der Küste bieten Korallenriffe perfekte Reviere dafür.

Schnorcheln kostet pro Stunde etwa fünf Euro und ist was für jeden. Auch Nichtschwimmer, also geschätzte 95 Prozent der Taiwanesen, kommen hier auf ihre Kosten. Zunächst wird man komplett mit Neoprenanzug, Schwimmweste, Taucherbrille und Schnorchel ausgestattet. Schwimmflossen gibt es nur für die Aufpasser, man braucht sie auch nicht da man sich eh nicht im Wasser bewegen wird.

Man legt sich dann bäuchlings auf das Wasser, schaut nach unten und hakt in die vom Aufpasser mitgebrachten Schwimmreifen mit einem Arm ein. Dieser Schleppverband von Schwimmreifen und eingeklinkten Amateurschnorchlern wird dann von den dabei rauchenden Bademeistern durchs Riff und am Ende wieder zurück zum Strand gezogen. Sind am Ende genauso viele Schwimmreifen wie Personen anwesend, so hat der Tauchwart alles richtig gemacht.

Falls nicht so hat er ein Problem. Leider wird die Ausrüstung nicht zum privaten Gebrauch verliehen, wer auf eigene Faust schnorcheln will muss sich seine Ausrüstung selber mitbringen. Wegen negativer Erfahrungen mit verschwundenen Touristen ist der unbewachte Verleih daher verboten. Auch wenn es so einfach aussieht und man sich im Besitz des Seepferdchen-Schwimmabzeichens befindet sollte man von der Idee besser Abstand nehmen. In nur zehn Minuten reglos auf dem Wasser treibend wird man von der starken Strömung schnell ein paar hundert Meter in Richtung offenes Wasser abgetrieben.

Von dem Zauber der Unterwasserwelt gefangen kann man da als Unbedarfter schneller die Orientierung verlieren als einem Lieb ist, obwohl es auch keiner übermenschlichen Kraftanstrengung bedarf um wieder zurück in Richtung Küste zu schwimmen.

Ich hätte nie gedacht, keinen Steinwurf von der Küste entfernt in einem touristisch doch stark frequentiertem Abschnitt wie hier so viele, wirklich hunderte, Fische zu sehen. In allen Farben, Formen und Größen, Barakudas, „Findet Nemo“-Clownfische, Skalare. Phantastisch geformte Korallenstrukturen durch deren Tunnel und Löcher Schwärme von Fischen elegant fliegen. Ich beginne zu verstehen, warum viele, die einmal getaucht sind, es immer wieder tun. Dieser Sucht kann man leicht verfallen. Wir schnorcheln an diesem Wochenende mehrmals, auch wenn es immer wieder im gleichen Strandabschnitt ist wird es nie langweilig.

Eine andere lohnenswerte Freizeitbeschäftigung ist das herumheizen mit dem Motorroller. Dazu gibt es eine Küstenstraße, die auf einer Strecke von 18 Kilometern einmal um die Insel führt und diese, mit teilweise spektakulären Aussichten, umrundet. Muss man nicht schwimmen können um zu schnorcheln muss man hier auch keinen Führerschein vorzeigen um sich einen Roller zu leihen. Hinsetzen, Gas geben und Spaß haben, kinderleicht.

Felsformation „Der hockende General“

Der Pazifik nagt mit Macht am porösem Vulkangestein und hat einige imposante Felsformationen geschaffen bzw. modelliert noch immer an diesen. Das Wasser ist kühlblau, türkis mit einem Stich ins grünliche wenn es sich mit weißer Wellenkrone schäumend überschlägt und laut gegen die Felsen klatscht. Findige Geister haben den prominentesten Felsen sperrige Namen wie „Schönheit neben dem Pekinesen-Hund“ oder „Der hockende General“ gegeben. Warum ist mir nicht ganz klar, vermutlich weil die Felsen aussehen wie alles mögliche, aber auf keinen Fall wie ein hockender General. Mit weniger Phantasie könnte es auch ein profaner Müllmann oder Eisverkäufer sein. Imposant ist das Form und Farbenspiel aber auf jeden Fall, egal, wie man das Kind nun nennt und ob überhaupt.

Ich nenne diese Felsformation „Das aufgetauchte U-Boot“, die offizielle Bezeichnung habe ich gerade nicht zur Hand


Gefangen


So touristisch idyllisch es heute auf der grünen Insel zugeht, so freidlich war es hier nicht immer. Die abgeschirmte Insellage animierte Chiangs KMT Partei, nach Besetzung Taiwans zur Nutzung als Gefängnisinsel. Inhaftiert waren hier die politischen Häftlinge in der Zeit des heute so genannten „Weißen Terrors“, der Zeit des Polizeistaats von 1950 bis Mitte der 80er Jahre.

Eine bunt gemischte Gruppe aus Intellektuellen, Schriftstellern, Regimegegnern und Kommunisten. Einfach alles, was der herrschenden Klasse nicht in dem Kram passte. Ausreichend war dafür oft eine Denunzierung oder der bloße Verdacht, ein Kommunist bzw. ein kommunistischer Spion zu sein. Etwa 10.000 Taiwaner verschlug es so hierher, einige waren Jahrzehnte in Haft, glücklichere nur ein paar Jahre. Weniger glückliche verstarben auf der Insel. Niemand wusste, was mit ihnen geschah und wer hier einsaß.

Gefängnis für politische Gefangene

Der Offenlegung dieses dunkelsten Kapitels aus der Geschichte Taiwans hat sich vor allem die bis zuletzt regierende Oppositionspartei DPP verschrieben. Heute gibt es ein Mahnmal das alle hier inhaftierten aufzählt und das leer stehende Gefängnis wird zu einem Museum umgebaut. Der letzte Präsident Taiwans hatte selber ein paar Jahre hier abgesessen. Noch heute gibt es ein Gefängnis auf dieser Insel, in diesem sitzen aber keine politischen Häftlinge, sondern gerichtlich verurteilte Schwerverbrecher ihre Strafe ab.

Die Vergangenheit als Gefängnisinsel wird ansonsten touristisch mit dem üblichen Klim-Bim ausgenutzt. Ein Eiscafe hat die Form einer Gefängniszelle mit schwedischen Gardinen durch die Gäste ihre Eisportionen gereicht bekommen. Ich kaufe mir ein T-Shirt mit einem „Sperrt die Scheiss-Kommunistenärsche weg!“-Slogan (frei übersetzt). Irgendwas anderes muss auch noch draufstehen, denn mir wird geraten, es nicht bei einem Besuch in der Volksrepublik China zu tragen.



Deaflympics 2009 in Taiwan


In Taipei wird schon seit Wochen auf Plakaten und Bussen für die Ausrichtung der Deaflympics, der olympischen Spiele der Gehörlosen, geworben. Diese wurden am Samstag, während ich auf Lu Dao weilte, offiziell eingeweiht. Ausländische Athleten in Trainingsanzügen der jeweiligen Nationen für die sie an den Start gehen, prägen seitdem das Stadtbild.

Die Eröffnungszeremonie muss sich nicht hinter der anderer sportlichen Großveranstaltungen wie der Olympiade oder einer Fußball Weltmeisterschaft verstecken, sie fällt nur im Maßstab etwas kleiner aus. Beim obligatorischen Einmarsch der Sportler glänzen nur die chinesischen Athleten durch Abwesenheit. Wie bei einem Kindergeburtstag: China war bockig, weil im Nachgang des Taifuns der Dalai Lama nach Taiwan eingeladen wurde um mit den Überlebenden der Katastrophe zu beten. Und auch wenn er geschickt sämtliche provokanten politischen Themen bei seinem Besuch ausklammerte reagierte Beijing gewohnt unsouverän und wollte Taiwan nun ein bisschen ärgern. Offiziell hatten die chinesischen Sportler es nicht pünktlich zur Eröffnungsfeier geschafft da es zu wenig Flüge gab und konnten deshalb nicht im Rahmen der Eröffnungsfeier auflaufen. Teilgenommen hat die chinesische Mannschaft an den Spielen und auch an der Abschlussveranstaltung dann aber trotzdem.

Mittelpunkt der Eröffnungszeremonie waren die üblichen Massen-Tanzveranstaltungen und Feuerwerke mitten in der Manege. Da in Taiwan das Essen so wichtig ist gab es konsequent eine Gruppe von Tänzern, welche als Dim Sum verkleidet um einen überdimensionalen Reistopf tanzten. Andere waren Sojasauce verkleidet oder zwängten sich in überdimensionale Essstäbchen-Kostüme.

Sehr amüsant. Das hätten wir in Deutschland bei der Ausrichtung der letzten Fußball WM 2006 auch so machen sollen. Bitte für die nächste Großveranstaltung auf heimischen Boden vormerken: als Bratwürste, Bierflaschen und Schweinshaxen verkleidete Kinder tanzen und rollen sich im Kreis um einen großen Topf mit Sauerkraut und Kartoffelpüree. Am Ende springen sie in den Topf und werden gegessen. Falls ich mal eigene Kinder haben sollte würde ich sie dafür aber nicht zur Verfügung stellen. Sich in jungen Jahren vor einem Millionenpublikum als Bratwurst verkleidet zu erniedrigen – da bekommt man doch einen Knacks fürs Leben. Der Einsatz als Auflaufkind ist im direkten Vergleich dazu erstrebenswerter.

Auch in der Abschlussveranstaltung ging es natürlich nur wieder um eins: ums Essen. Diesmal gab es echtes Essen im Rahmen eines riesigen Banketts für alle teilnehmenden Sportler. Neben kleinerer organisatorischer Mängel und Fehlplanungen (eine für Millionen neu gebaute Schwimmhalle direkt neben dem Stadion konnte nicht für die Schwimmwettbewerbe genutzt werden, die Bahnen waren schlicht zu klein – Ausrede der Bauherren: Die Halle sei nur zum Aufwärmen gedacht, tatsächlich fanden die Schimmwettbewerbe an einem 20 KM entfernten Ort statt) war es eine beeindruckende Veranstaltung.

Das olympische Motto, lieber Tod als Silber - Kommerz und Werbung bis die Schwarte kracht, hat bei den Deaflympics keine Gültigkeit. Stattdessen steht wirklich der weltweite Austausch junger Sportler im Vordergrund. Es gab keine Barrieren zwischen Fans und Athleten, ein Veranstaltung zum Anfassen. Nicht selten feuerten sich die Sportler und Anhänger rivalisierender Nationen an oder zollten der Leistung des Gegners Respekt. Eine erfrischende Abwechslung zum sonst gewohnten Popanz unter den fünf Ringen.

Gehörlosen-Fußball

Nach einer halben Stunde Suche finde ich auf der unterirdisch schlecht strukturierten offiziellen Homepage der Deaflympics den Veranstaltungskalender der Fussballmannschaften. Bis auf die Finals sind alle Spiele umsonst, sie beginnen wegen der Hitze früh morgends um 9:30 oder nachmittags. Wie lange schon habe ich kein Fußball schauen können, während Pauli zu Hause die Liga rockt?

Deutsche Sportler auf der Tribüne

Zu den bekannten 90 Minuten Spielzeit gibt es die Möglichkeit einer zweiminütigen Trinkpause, dieser kann ein Schiedsrichter je nach Bedarf bis zu einmal pro Halbzeit ansetzen. Wichtigstes Instrument für den Unparteieischen ist nicht seine Trillerpfeife, sondern eine gelb/rotes Tuch. Damit signalisiert er den Sportlern optisch sichtbar die Entscheidungen, die er sonst akustisch mit seiner Pfeife zum Ausdruck bringt. Gelbe und Rote Karten gibt es aber nach wie vor, und sie werden auch gebraucht. Abgesehen von diesen kleinen Änderungen gibt es keine nennenswerten Unterschiede zum Nicht-Gehörlosen-Fussball.

Die Tribüne füllt sich vor den Spielen meistens mit einer Handvoll ausländischer Touristen der jeweiligen Länder die gerade spielen. Lautstärkste Unterstützer ihrer Teams sind hier die USA. Pro Spiel und Mannschaft wird außerdem eine lokale Grund- oder Oberschulklasse zum Support-Dienst vergattert und mit den benötigten Flaggen zur optischen Anfeuerung versehen. Man sitzt direkt neben den Sportlern und Trainern auf der Tribüne und kann sich, wenn man der Gebärdensprache mächtig ist, mit diesen Unterhalten.

Im Viertelfinale der deutschen Herrennationalmannschaft ist eine Delegation deutschsprachiger Schulkinder der örtlichen deutschen Schule zum Anfeuern im Stadion. Die aus Kinderkehlen gekrähten Anfeuerungen vom Schlage „Deutschland vor – noch ein Tor!“ sind zwar erbarmungslos einfallslos, aber die Akustik spielt hier zum Glück ja nur eine untergeordnete Rolle. Brav werden deutsche Fahnen geschwenkt und Nationalmannschafts-Trikots getragen (die Variante mit Ballack auf dem Rücken erfreut sich der größten Beliebtheit). Vereinzelt mischen sich auch DDR Fahnen unter die Menge, was der Absicht der Anfeuerung aber keinen Abbruch tut.

Nach dem Viertelfinalsieg gegen Argentinien

Sportlich überraschend schaffen es die Herren leider nicht ins Finale und scheitern knapp an der russischen Mannschaft (die ebenso im Finale gegen die Ukraine den kürzeren zieht). Im kleinen Finale um denn dritten Platz besiegen sie aber die französische Mannschaft deutlich und reisen verdient mit einer Bronze-Medaille zurück nach Deutschland.

Niveauschwächer, aber erfolgreicher im Vergleich ist die Darbietung der Frauen. Im Halbfinale liegen sie bereits 3:0 gegen die favorisierte russische Mannschaft zurück, kämpfen sich aber nach einer tollen zweiten Halbzeit und Verlängerung mit 4:3 zurück ins Spiel und ins Finale. Das geht zwar, wie schon das Eröffnungsspiel, gegen die USA mit 4:0 verloren (die Herberger-Taktik geht wohl auch wegen mangelndem Regen nicht auf). Auf die Silbermedaille können die Sportlerinnen aber zu Recht stolz sein.

14.9.09

Bilder aus Taiwan

Best Of Taiwan 2009

Auf flickr kann man eine Menge Bilder von mir finden. Sind ne ganze Menge geworden, so das man leicht den Überblick verlieren kann.

Die meiner Meinung nach besten Fotos aus Taiwan habe ich in einem eigenen Fotoalbum gebündelt.

Viel Spaß & schöne Grüße aus Taipei!

11.9.09

Kinmen und Cihu

Die Chinesisch-Chinesische Grenze in Kinmen

Eine kleine Gesichtsstunde zum Taiwankonflikt. Heute können die wichtigsten Orte dieser Auseinandersetzung auf der Insel Kinmen besucht werden, die aber auch unabhängig ihrer historischen Relevanz einen Besuch wert ist.


Exkurs: China und Taiwan – ein geteiltes Land oder zwei souveräne Länder?

Nach dem zweiten Weltkrieges wurden weltweit einige Grenzen neu gezogen. In vier Fällen – Korea, Vietnam, China und Deutschland - verliefen neue künstliche Grenzen mitten durch bis dahin zusammenhängende Staatsgebiete: Diese Grenzen waren Teil der Trennlinien der neuen bipolaren Weltordnung des kalten Krieges, sie trennten Völker und Familien. Kalt war der kalte Krieg, was bewaffnete Grenzkonflikte in diesen Ländern angeht, eigentlich nur in Deutschland. In Vietnam, Korea und China wurde an diesen Grenzen heiß gekämpft.

Der eiserne Vorhang in Europa ist seit nun fast zwanzig Jahren geöffnet, Deutschland ist friedlich wiedervereinigt und hat das Merkel. In Vietnam wurde diese Grenze zu Gunsten des kommunistischen Lagers nach jahrzehntelangen Bürgerkriegen in den 70er Jahren beseitigt. Auf der koreanischen Halbinsel hat die Trennung in Nord- und Südkorea noch heute Bestand. Beide Länder befinden sich nach wie vor im Krieg. Dieser ist zwar seit über 50 Jahren durch einen Waffenstillstand unterbrochen, formal aber wurde er nie beendet.

Die vierte dieser Grenzen teilt Taiwan von der Volksrepublik China ab. Nach der Befreiung von den japanischen Besatzern im zweiten Weltkrieg brach zwischen den chinesischen Führern Chiang Kai Shek und Mao Zedong ein blutiger Bürgerkrieg um die Vorherrschaft in China aus. Von dem Kampf gegen die japanischen Besatzer geschwächt konnte Chiangs Nationalarmee der kommunistischen Volksarmee Maos nichts entgegensetzen. Auch – eher halbherzig gewährte - amerikanische Militärhilfe verpuffte effektlos. Maos Truppen waren disziplinierter und erfolgshungriger. Chiangs Armeen demgegenüber ein Musterbeispiel an Disziplinlosigkeit, moralisch degeneriert und vor allem des langen Kampfes müde.

Aus dem Krieg gegen Japan hatte sich Mao vornehm zurück gehalten und in aller Ruhe die eigenen Truppen aufgerüstet während Chiang die Kohlen aus dem Feuer holen musste. Jetzt war Maos Chance gekommen und er nutze sie brutal. Als legitimer gewählter Vertreter der Republik China setzte sich Chiang daher 1949, von den Kommunisten geschlagen, endgültig mit den verbleibenden Resten seiner Armee und seiner Partei KMT (Chinesische Nationalpartei) nach Taiwan ab. Mao konnte in Festlandschina die bis heute existierende Volksrepublik China ausrufen und etablieren.

Mao und Chiang blieben sich seitdem spinnefeind. Beide glaubten an ein China zu dem auch Taiwan gehörte. Ein Anspruch an die Integrität des chinesischen Staatsgebiets wie er bis heute unter dem Chiffre „Ein China“ formuliert wird. Unterschiedlich jedoch war die Perspektive auf diesen Anspruch: Aus Sicht Maos ist Taiwan Teil des kommunistischen Staates den er 1949 proklamierte und dessen sechzig jähriger Geburtstag dieses Jahr im Oktober sicher mit großem Trara gefeiert werden wird.

Aus Chiangs Perspektive hat die Republik China nie aufgehört zu existieren. Die Ausrufung Volksrepublik China war unrechtmäßig und diese nur eine temporäre Episode die es zu korrigieren galt. Erst einmal musste er dazu aber Kraft tanken, sich auf Taiwan neu organisieren und sammeln. Den Anspruch der Rückeroberung Chinas hat er dabei nie aufgegeben, auch wenn die Chancen auf die Umsetzung dieses Plans mit der Zeit immer unwahrscheinlicher wurden.



Bis heute nennt sich Taiwan daher offiziell R.O.C – Republic Of China. Ein Staat, der in seiner Existenz nur von politischen Schwergewichten vom Kaliber eines Vatikanstadt oder den Marshall-Inseln offiziell als solcher anerkannt wird. Alle anderen Länder haben zu Gunsten der Volksrepublik China diplomatische Beziehungen zu Taiwan abgebrochen bzw. pflegen sie auf der Ebene von Büros zum Kulturaustausch. Die R.O.C. hat damit de facto qua mangelnder Akzeptanz und Aussenwirkung der wichtigsten Länder der Welt aufgehört zu existieren.

Ein Staat, der von nur wenigen als solcher gesehen wird, ist ein witzloses Konstrukt. Obwohl Taiwan alle Attribute eines legitimen Staates besitzt: Ein klar abgegrenztes Territorium, politisch legitimierte Führung, Währung, Rechtssprechung, Militär, Polizei, etc.

Die Frage, wie sich Taiwan heute selbst versteht, ist nicht so einfach zu beantworten. Zum einen sind sämtliche gewählten Vertreter der ehemaligen Regierung der R.O.C. inzwischen gestorben und der Anspruch, Nachfolger der R.O.C. im Wartestand zu bis zur Wiederherstellung derselben auf dem Festland zu sein, lässt sich historisch nicht mehr aufrecht erhalten.

Taiwanesen begreifen sich heute wohl in der Mehrheit als auf Taiwan geborene Chinesen, welche zwar historisch und ethnisch mit China verbunden sind, mit der Volksrepublik China aber nichts am Hut haben und haben wollen. Aber nur wenige fordern explizit einen eigenen und unabhängigen Staat.

Viele Taiwanesen haben sich mit dem Status Quo arrangiert und ein eigener Staat ist ihnen schlichtweg egal. Ging es also früher um ein China inklusive Taiwan – in einer kommunistischen oder republikanischen Ausprägung - so hat lautet die aktuelle Frage eher, ob Taiwan ein eigener Staat sein soll oder nicht. Beijings Sicht der Dinge ist klar: Taiwan und Tibet gehören zum Territorium der Volksrepublik China. Basta.

Formal hat Taiwan seine Unabhängig nie erklärt und sitzt nun zwischen den Stühlen und damit in der Tinte: China droht im Falle einer Unabhängigkeitserklärung mit einem Militärschlag mit dem Ziel der Eroberung Taiwans – und diese Drohung ist sogar in der chinesischen Verfassung verankert. Auf der anderen Seite benötigt Taiwan aber eine eigene staatliche Identität, die sich nur durch eine Unabhängigkeitserklärung erlangen lässt. Man ist sich nicht klar darüber, ob man das wirklich will und verharrt in einer Art Duldungsstarre – ohne klare Vorstellung oder ernsthafte Ambitionen, diesen Zustand aufzulösen.Taiwan selbst ist auch zu schwach, sich hier gegen den stärkeren Nachbarn bzw. Bruder behaupten zu können, und könnte wohl auf wenig externe Hilfe hoffen.


Kinmen als Schauplatz des Taiwan-Konflikts

Die kleinen Insel Kinmen (sprich: „Dschiemän“, früher auch mit „Quemoy“ lateinisiert) ist eine Bühne für die bisherigen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der Volksrepublik China und Taiwan. Dieses kleine, schmetterlingsförmige Eiland ist mit 1.7 KM Entfernung zur chinesischen Küste der Teil Taiwans, welcher der Volksrepublik am nächsten kommt. Taiwan selbst ist mit knapp 300 Kilometern etwas weiter weg.

Angriff Chinas auf Kinmen im Jahr 1949

Schon 1949, noch im Jahr der Ausrufung der Volksrepublik China, versuchten die Kommunisten, diese Insel einzunehmen. Für zwei Tage konnten sie einen Brückenkopf im Nordwesten der Insel behaupten, wurden dann aber in der folgenden Gegenoffensive wieder von der Insel vertrieben.

Diese Vertreibung der rotchinesischen Sturmtruppen wird heute in der Geschichte Taiwans als eine Art heldenhafter Gründungsmythos in Ehren gehalten. An die entscheidende Schlacht um den Ort Ku Ning Tou erinnert heute ein Museum, inklusive verherrlichender Darstellungen der damaligen Vorkommnisse. Da damals anscheinend wenig fotografiert wurde sind die wesentlichen Elemente der Schlacht nachträglich auf überdimensionalen gemalten Bildern festgehalten worden und diese lassen die damaligen Ereignisse im Museum noch einmal Revue passieren.

Ausbau von Kinmen zur Festung

Schlacht um Strandabschnitt nahe Ku Ning Tou

Chiang höchstselbst präsentiert sich in einer Parade den siegreichen Truppen ...

... während die geschlagenen Rotarmisten (man beachte das Abzeichen der chinesischen Volksarmee auf der Mütze) nach Hause oder in Kriegsgefangenschaft geschickt werden

In Folge der erfolgreichen Schlacht um Kinmen wurde die Insel zu einer Festung ausgebaut. Chiang wollte diesen Ort, quasi als Stachel im chinesischen Festlandsfleisch, unbedingt halten. Nur so lies sich ernsthaft sein Plan zur Rückeroberung Chinas aufrecht erhalten. Das gesamte Areal wurde zum militärischen Sperrgebiet erklärt und spielte in der Folge eine immer skurrilere Rolle in der taiwanesisch/chinesischen Auseinandersetzung.

Die erste Nagelprobe galt es keine zehn Jahre später zu bestehen. 1958 beschoss China die Insel vom Festland aus mit heftigem, mehrere Monate anhaltendem Artillerie-Feuer. Insgesamt verfeuerte China aus 350 Geschützen eine halbe Million Granaten auf Kinmen – gut verteilt auf eine Fläche etwa so groß wie Bremen! Parallel sollte eine Seeblockade die Insel von der Außenwelt abschließen.

Rotchina brauchte vor allem ein Ablenkungsmanöver um von dem innenpolitischen Desaster des großen Sprungs nach vorne und seinen Folgen abzulenken. Außerdem sollte die Bündnistreue der USA mit Taiwan getestet werden. Kinmen hielt stand und schoss zurück. Dieser Episode wurde von beiden Seiten als Erfolg verbucht: Tatsächlich musste Taiwan zwar die kleineren Dachen Inseln in der Nähe von Kinmen räumen, konnte aber von Kinmen nicht vertrieben werden. Kleinere Scharmützel und Artillerieduelle wurden bis 1978 fortgesetzt.

Propagandagranate

From Taiwan With Love ...

... und Rotchinas Antwort darauf

Die interessantesten verwendeten Geschosse in diesem Konflikt waren spezielle Propagandagranten. Sie explodierten nicht, sondern liessen metallene Kapseln gefüllt mit diversem Propaganda-Nippes an kleinen Fallschirmen zur Erde segeln.Verhandlungen mit der UN wurden mit dem Ergebnis abgeschlossen, nur noch jeden zweiten Tag zu schießen. An Tagen ungeraden Datums wurden daher der Beschuss auf Propaganda-Munition umgestellt, ansonsten scharf geschossen.

Nach 1978 einigte man sich auf den kompletten Verzicht von scharfer Munition und auf folgenden Plan: Taiwan durfte Montags, Mittwochs und Freitags Propaganda-Granaten Richtung China feuern, China konnte Dienstags, Donnerstags und Samstag antworten. Als Ruhetag ohne irgendwelchen Propaganda-Beschuss war der Tag des Herrn vorgesehen.

Um Rotchina zu ärgern montierte man ab 1978 auf dem höchsten Berg der Insel die größten Neon-Schriftzeichen Taiwans. Diese waren bei Nacht gut vom Festland aus zu sehen und ein aufmerksamer Beobachter konnte von dort die erste Zeile der taiwanesischen Nationalhymne entziffern. Tatsächlich beschwerte sich die chinesische Großstadt in Sichtweite dieser Installation Hsia Men (früher bekannt als Amoy) als diese überdimensionierte Leuchtreklame 1990 abgeschaltet wurde. Über Nacht hatte man die größte Touristenattraktion verloren. Zum Glück beließ man es bei einem Protest, weitere kriegerischen Handlungen wurden deswegen nicht aufgenommen.


Kinmen heute

Auch der massive geregelte Einsatz von Propaganda konnte den Verlauf der Geschichte nicht maßgeblich beeinflussen und so blieb Kinmen bis heute ein Teil Taiwans. 1992 wurde die militärische Sperrzone aufgehoben und ist seitdem frei zugänglich. Zusätzlich wurde Kinmen als Nationalpark deklariert und seitdem touristisch erschlossen.

Die Spuren der kriegerischen Auseinadersetzung sind noch allgegenwärtig und werden teilweise als Attraktion genutzt. Bunker, die meisten verlassen und mit Wasser vollgelaufen, gibt es an allen Ecken und Enden. Unter der Hauptstadt Kin Cheng kann ein 3 Kilometer langes Tunnelsystem besichtigt werden, welches die Schulen der Stadt, das Rathaus, den zentralen Busbahnhof und das Büro der KMT Partei verbindet (die Dependance der Oppositionspartei DPP verfügt über keinen solchen exklusiven Evakuierungsanschluss).

Von den 50.000 Einwohnern sind immer noch die Hälfte Angehörige der taiwanesische Streitkräfte. Ein großer Teil von ihnen leistet hier seinen Wehrdienst ab. Das Aufgaben-Spektrum hat sich eher in den zivilen Bereich verschoben: Heute ist jeder hier stationierte Soldat Parte eines Baums und kümmert sich so um die Begrünung der Insel. In der Freizeit sind die Soldaten häufig in den Internet-Cafes der Hauptstadt anzutreffen und halten sich dort für den Ernstfall mit einschlägigen Ballerspielen a la Counterstrike fit.

Minenverseuchten Strände der Insel laden zum Schwimmen aus

Flankiert von markigen Propaganda-Sprüchen vom einprägsamen Schlage eines „Gib mir mein Land zurück!“ können Touristen heute durch Fernrohre und durch Bunker gesichert einen Blick in Richtung China werfen. Heute tummeln sich chinesische Fischerboote in der 1.7 KM breiten Wasserstraße zwischen Taiwan und China und das einzig heiße an der Grenze ist das Wetter.

Abseits von all dem militärischen bietet sich für Architektur interessierte das vermutlich einzig nennenswerte Ziel Taiwans. Wurden traditionelle Bauten andernorts einfach platt gemacht hat hier die militärische Isolation einzigartige Bauten konserviert (bzw. wurden diese nach Beendigung der Bombardierung wieder orginalgetreu aufgebaut).

Doppelzimmer unserer Unterkunft in Shui Tou

Tee zum Frühstück

Straße in Shui Tou

Innenhof unserer Unterkunft in Shui Tou

Empfehlenswert ist das Dorf Shui Tou, in dem sich Gebäude im klassischen fukienesischem Stil (erkennbar an langgestreckten Giebeln in Schwalbenschwanzform) dicht aneinander drängen. Ein lebendiges Freilichtmuseum in das sich Chi Hsuen und ich uns für zwei Tage einmieten. Für sparsame 80,- Euro kann man hier ein schönes und stilvolles Wochenende verbringen. Als Besucher hat man hier eher den Eindruck, in China und nicht in Taiwan zu sein. Es erinnert eher an Beijings Huton-Viertel als an die hässlichen seelenlosen Betonquartiere Taipeis.

Essen auf Kinmen, eine der wenigen McDonalds-Buger King-Subway-Starbucks freien Zone Taiwans: Gegrillter Schweinedarm ist der kulinarische Hammer




Hirseschnaps und Bomben zu Küchenmessern


Besonderheiten der lokalen Industrie und damit beliebte Souveniers sind aus Granaten hergestellte (Küchen)messer und ein speziell hier destillierter Hirseschnaps.

Eine überdimensionale weiße Schnapsflasche ist das erste, was ein Besucher Kinmens auf dem Weg vom Flughafen zur Hauptstadt sieht. Der aus lokal angebauter Hirse gebrannte Schnaps hat 58 Umdrehungen und heißt deswegen der Einfachheit halber auch 58. Schmeckt eher wie Wodka und weniger wie Whiskey. Gan Bei!

Der Schmied Wu kam auf die originelle Idee, aus der Not der Bombardierung eine Tugend zu machen. Fleißig sammelte er die Granatenhülsen und Reste ein und schmiedete daraus alles messerförmige vom Taschenmesser über Küchenmesser und Macheten bis hin zum Samurai-Schwert.

Dazu werden beim Schmieden besonders aufwändige Faltungstechniken angewendet die zu sehr hartem und scharfem Stahl führen, analog dem Herstellungsprozess von Toledo-Stahl. Besonders gut eignen sich die Propaganda-Granaten: Der Stahl dieser Granaten ist hochwertiger und weniger porös, denn sie sollten ja nicht in Schrappnelle zerplatzen sondern schützend ihren Propaganda-Tinnef ins Ziel bringen.

Aus dem Stahl einer Granate können in etwa 800 Messer produziert werden. Dank der halben Millionen Granaten aus der Bombardierung herrscht an diesem Rohstoff in den nächsten hundert Jahren kein Mangel. Ein Besuch der Schmiede ist Pflicht, hier kann man Meister Wu höchstselbst bei der Arbeit über die Schulter schauen.

Schmieden des Stahls

Zurechtschneiden der Klinge


Schleifen der Klinge

Das fertige Messer



Chiangs Obersalzberg in Cihu


Taiwans Obersalzberg befindet sich gut 70 Kilometer südwestlich der Hauptstadt in einem kleinen verborgenen Tal nahe der Ortschaft Cihu. Der ehemals streng gesicherte und hermetisch abgeriegelte Rückzugsort von General Chiang und seinen Freunden kann heute besichtigt gewerden und ist quasi ein Muss für jeden halbwegs an Geschichte interessierten Reisenden.


Busfahrt nach Cihu (und Verhalten in öffentlichen Verkehrsmitteln insgesamt)

Die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln über Dasi per Bus ist ein kleines Abenteuer, denn in Dasi wird gerade der Busbahnhof renoviert. Von Renovierungstätigkeiten sollte man übrigens, egal was man plant, immer ausgehen. Irgendwas gibt es hier immer zu tun und ständig sind irgendwelche Pforten verschlossen.

Nach einer halben Stunde finde ich in Dasi die richtige Ersatzhaltestelle zur Weiterfahrt in Richtung Cihu. Leider gibt es dort nur einen pinkfarbenen Waschzettel auf dem so etwas wie „Ersatzhaltestelle“ auf chinesisch steht. Auf den Aushang von Fahrplänen, denen man Fahrtrouten oder Abfahrtszeiten entnehmen kann, wurde konsequent verzichtet.

Übersichtliche Fahrpläne weisen den Weg

Ich halte also einfach jeden vorbei fahrenden Bus an, um zu fragen, wohin er fährt. Busse muss man hier wie ein Taxi mit exakt im 90 Grad Winkel ausgestrecktem rechtem Arm heranwinken - sonst halten sie nur, falls zufällig gerade jemand aussteigen will. Da mich die Busfahrer trotz mustergültig ausgeführter Haltesignale meinerseits ignorieren ändere ich meine Taktik und springe bei jedem vorbei fahrenden Bus mit beiden Händen über dem Kopf winkend auf die Strasse. Öffnet ein so gestoppter Bus die Tür, so frage ich nach der Fahrtroute. Meistens fahren die Busse aber einfach unbeeindruckt weiter wenn ich die Fahrbahn freigebe.

Meine Hartnäckigkeit zahlt sich trotzdem aus: nach weiteren 50 Minuten in sengender Hitze hat ein Fahrer erbarmen und nimmt mich mit. Während ich noch den Fahrpreis nachfrage strömt hinter mir eine Gruppe von ca. 56 Rentnern undiszipliniert in den Bus. Ihrem Gepäck nach zu urteilen waren sie in Dasi auf dem Wochenmarkt und wollen ihre Errungenschaften nun nach Hause in Sicherheit bringen. Ich verstelle ihnen aber den Weg wie ich auf der Eingangstreppe des Busses stehe und mit dem Fahrer verhandele.

Mehrere Hände begrapschen und schieben an meinem Hintern rum, doch ich weiche keinen Zentimeter. Manche kriechen sogar zwischen meinen Beinen durch, eine beachtenswerte akrobatische Meisterleistung mit nicht aus der Hand gelegten Plastiktüten und sowas in hohem Alter. Aber auch ein mit Einkäufen voll beladener Hackenporsche, mehrmals mit Schmackes in meine Kniekehlen gerammt, fällt mich nicht. Eine Ruhe ist erst, als ich meine Sonnenbrille abnehme und mich, Blickkontakt suchend, umdrehe. Betretenes Schweigen, zum Boden gesenkte Köpfe und Ruhe auf die Frage, wo denn das Problem sei. Es gibt anscheinend keines – oder außer mir spricht hier keiner Deutsch.

Vielleicht bin ich schon zu lange hier. Habe ich noch in den ersten Wochen meinen Sitzplatz für Bedürftige bereit gestellt so ist meine Bereitschaft, das auch weiterhin zu tun, auf dem Nullpunkt angekommen. Die „Hoppla, hier komm ich - nach mir die Sintflut“-Mentalität ist ansteckend. Die Taiwanesen benehmen sich hier keinen Meter zivilisierter als ihre festlandschinesischen Brüder.

Ich muss mich den fremden Sitten und Gebräuchen anpassen, wenn ich hier nicht als kompletter Freak negativ auffällig werden will. Also steige auch ich genau dann in einen S-Bahn Waggon sobald sich die Tür öffnet – und ohne Rücksicht auf aussteigenden Fahrgäste (und manchmal drücke ich sie einfach zurück in den Zug und sie müssen sich eine andere Öffnung zum aussteigen suchen). Wartet man in aller Ruhe, bis alle Fahrgäste die Bahn verlassen haben, um danach einzusteigen, so wird man nur von hinten geschubst, angepöbelt oder schlicht zur Seite gedrängt.

In öffentlichen Verkehrsmitteln gibt es neuerdings so genannte „Priority Seats“. Priorität bei der Besetzung dieser Plätze haben Ältere, Behinderte, Schwangere oder Frauen mit Kindern. Sitze ich auf einem solchen Platz und nähert sich ein Bedürftiger gemäß dieser Priorisierung, so zeige ich ihm lachend den Vogel, mache mich noch etwas breiter und starre aus dem Fenster. Das mit dem Lachen und Vogel zeigen habe ich als neues Element hinzugefügt, vielleicht macht es bald Schule. Wenn einem die Mitmenschen so egal sind, so sollte man es auch zeigen.

Das normale beobachtbare Verhalten von Taiwanesen in einem solchen Fall ist es, mit versteinertem Gesicht aus dem Fenster zu schauen und sich so tot stellend alles um einen herum demonstrativ zu ignorieren. Plakataktionen, die das gewünschte korrekte Verhalten in solchen Fällen anmahnen, sollen das Verhalten in diesem Punkt ändern. Der pädagogische Effekt ist jedoch gleich null. Auch sehr beliebt: In einer Zweierbank den Gangplatz besetzten, den Fensterplatz frei lassen und versteinert nach vorne schauen. Sollen die anderen doch rumturnen und etwas Einsatz zeigen, wenn sie auf den freien Platz wollen – ohne Fleiß, keinen Preis. Nach mehrmaliger Ansprache werden manches mal wenigstens die Beine etwas zur Seite bewegt und so ein wenig Platz gemacht.

Vielleicht wird ein Sitzplatz in einem Verkehrsmittel aber auch einfach nur als temporärer privater Raum im öffentlichen verstanden. Taiwanesinnen entpuppen sich hier als pragmatische Meister im Zeitmanagement und machen dort das, was man bei uns eher bei sich zu Hause macht bevor man losgeht: Schminken und parfümieren zum Beispiel. Ich übe mein chinesisch in dem ich positives Feedback wie „Sehr hübsch!“ oder „Dein Parfüm riecht wie eine noch nicht vergammelte Lotusblüte am Morgen!“ abgebe. Das ist natürlich glatt gelogen, denn wie eine Lotusblüte – noch dazu eine vergammelte – am Morgen riecht weiß vielleicht einer der Leser, ich jedenfalls nicht. Für elaboriertere oder passendere Komplimente ist mein chinesischer Wortschatz einfach zu begrenzt, es wird aber jeden Tag besser.

Wo ich gerade beim Thema bin: Sehr beliebt ist es auch, in Fahrstühlen den „Tür schließen“ Knopf beim halten nervös dauerzuklicken. Auch wenn andere gerade aus- oder zusteigen wollen findet sich immer eine Hand, die diesen Knopf permanent in der Hoffnung, die eigene Fahrtzeit zu verkürzen, betätigt: Was interessieren mich die anderen – ICH will nach oben und nicht dauernd anhalten! Das die Steuerung eines Fahrtstuhls auch dann nicht schneller auf diesen Knopf reagiert wenn man ihn mehrfach schnell hintereinander drückt ist anscheinend noch keinem aufgefallen. Also bitte nicht weitersagen, damit ich mich bei diesem Anblick weiterhin erfreuen darf!


Den Chiangs ihre Privatresidenz in Cihu

Den Chiangs hat die Gegend um Cihu auf Anhieb gut gefallen, erinnert sie den alten Kai Shek doch in Vegetation und Geographie an seine alte Heimat. Prompt wurde daher das Tal militärisch abgeriegelt, ein kleiner Stausee zu Chiangs Plaisir ausgebaut und Bungalows mit Blick auf See, Berge und Dschungel angelegt.

See mit Floss für Paddelspaß in Cihu

Außer Mitgliedern der Oberschicht aus der KMT Nomenklatura wurde keinem Normalsterblichen hier Einlass gewährt. Auch dem Bündnispartner USA blieb verborgen, wie der alte Stratege Chiang hier seine Militärs Pläne zur Rückeroberung Chinas schmieden ließ. Als 1962 die Volksrepublik China durch den großen Sprung nach Vorne und den Folgen dieser exklusiven Spinnerei Maos geschwächt am Boden lag und das Hauptaugenmerk in der Region auf den Vietnam-Krieg lag sah der Generalissimo endlich seine Chance gekommen. Es sollten zwei-/drei Städte erobert und von dort ein Umsturz des kommunistischen Regimes gestartet werden.

Irgendjemand muss diese Pläne jedoch an die chinesische Volksarmee verraten haben, denn sämtliche Eliteeinheiten, die eine erste Welle der Rückeroberung in der Operation „Morning Glory“ einleiten sollten, wurde komplett aufgerieben. Auch konnten Landungsschiffe nicht wie geplant unentdeckt durch die Straße von Taiwan vorrücken und die taiwanesische Marine holte sich eine blutige Nase. Derartig militärisch geschwächt wurde die Aktion dann erst einmal abgeblasen und mehrfach verschoben. Zuletzt hatte man sich 1971 die Rückeroberung Chinas ernsthaft vorgenommen, musste aber auch diesen Termin ungenutzt verstreichen lassen.

Heute werden andere, wesentlich defensivere Pläner verfolgt. Derzeitig ist das Militär schon froh, wenn es ansatzweise das Kräftegleichgewicht halten und China vor einem Angriff abschrecken kann. Das ist schon jetzt aus eigener Kraft nicht mehr möglich und klappt eher schlecht als recht auf Basis von Schutzgarantien Washingtons. Und da sämtliche Länder der Welt (inklusive der USA) in Kotaustellung vor der Regierung in Beijing erstarrt sind können dringend benötigte moderne Waffensysteme nicht angeschafft werden, obwohl Mittel und der politische Wille zum Kauf dieser vorhanden sind. Beim Besuch des Militärmuseums in Taipei empfindet man tiefes Mitleid angesichts des zur Verfügung stehenden veralteten, dürftigen Waffenarsenals der taiwanesischen Streitkräfte. Die Herren in Zhong Nan Hai lassen weiter ihre Muskeln spielen und werden dazu demnächst wohl auch Paraden zum 60. Jahrestag der Republik Ende Oktober propagandistisch nutzen.

Hunderte wiedergänger Chiangs sind in Cihus Skulpturpark gestrandet

Auf dem Gelände in Cihu befindet sich heute ein kleiner Park in dem aus dem ganzen Land zusammengetragene Statuen und Büsten Chiang Kai Sheks, manchmal auch welche von Sun Yat Sen, ausgestellt sind. Entgegen seiner Zeitgenossen von Hitler über Stalin bis Mao hat Chiang nie einen Personenkult um seine eigene Person forciert oder gefordert und hat zu Lebzeiten immer etwas befremdlich auf derartige Darstellungen reagiert.

Wenig spektakulär und fasst schon spartanisch fällt dementsprechend auch seine Ruhestätte aus. Ein einfacher Sarg, ein kleines Kreuz (seiner Frau zu Liebe konvertierte Chiang zum Katholizismus, der hier auf Taiwan nach den Philippinen wohl seine größte Verbreitung in Asien genießt). Das andere Despoten die letzte Ruhestätte wesentlich pompöser gestalten wusste er wohl selbst, nur war Selbstdarstellung ja nicht sein eigentliches Ziel. Dieser Ort ist daher auch kein Wallfahrtsort wie das Grab anderer Führer Asiens vom Schlage eines Kim Il Sungs oder Mao Zedongs.

In den Bungalows, welche früher zur Sommerfrische der oberen 100 dienten, sind heute interessante Ausstellung zur Geschichte Taiwans untergebracht, in den ehemals geheimen Tunneln schlafen tagsüber nachtaktive Fledermäuse. Für Taiwanesen wichtig: ein Restaurant mit Blick auf den See. Ohne Essensmöglichkeit würde es sie nicht an diesen Ort verschlagen.

Das damals abgeriegelte Gelände ist übrigens auch heute nicht komplett frei zugängig. Das Militär übernimmt hier die Öffentlichkeitsarbeit. Und wie immer, wenn Militärs beteiligt sind, kriegen die das nur mit mäßigem Erfolg auf die Reihe. Als Besucher muss man sich vorher auf einer nur in Mandarin verfügbaren Homepage registrieren. Die Führungen kosten 2,- € und sind auf 40 Teilnehmer pro Stunde begrenzt. Findige privatwirtschaftliche Geschäftsleute haben daher das komplette Kontigent bis zum Ende des Jahres aufgekauft, ich finde trotzdem noch eine Nische und mir wird nach drei Wochen Wartezeit Zutritt in dieses Inner Sanktum gewährt.

Schon nach der Eingangskontrolle seile ich mich aber von der Gruppe ab und erkunde das Areal auf eigene Faust. Später treffe ich nach zwei Stunden die Gruppe wieder – beim Essen im Restaurant. Tatsächlich haben die zwei Stunden in einem Bungalow gesessen und sich in aller Ruhe den See angeschaut und sind damit keinen Meter mehr gelaufen als unbedingt notwendig. Für den zwei Kilometer langen Anmarsch wurden anderthalb Stunden benötigt, dieses Schneckentempo ging mir ungeduldigem Geist derart auf den Sack das ich mich einfach selbständig machen musste.

10.9.09

Karaoke für Anfänger: Werbung




比菲多 比菲多 QQQ
bi(3) fei(1) duo(1) bi(3) fei(1) duo(1) q q q

比菲多 比菲多 QQQ
bi(3) fei(1) duo(1) bi(3) fei(1) duo(1) q q q

26.8.09

Tarantino: Inglourious Basterds

Mal eine Frage zum neuen Film von Tarantino: Der ist hier vor kurzem angelaufen und ich habe mich, beginnend mit der ersten Einstellung, weggeschmissen vor lachen.
Hier in Taiwan gibts im Kino nur Untertitel, synchronisiert wird aus Prinzip nicht. Das finde ich gerade für diesen Film auch sehr passend. Mal ein bischen Englisch, mal italienisch, mal ein wenig französisch und deutsch. Alles sehr leicht zu verstehen.

Und nun zur Frage an die Leser, welche den Film in Deutschland gesehen haben: Wird er dort synchronisert gezeigt? Hoffentlich nicht, das würde bei dem Film ja so ziemlich jeden Gag kaputt machen. Oder ist er partiell synchronisiert, d.h. die italinieschen und französischen Anteile nicht?

Würde mich mal interessieren - wers weiss: lasst mich hier nicht dumm sterben...

Zu Besuch auf dem Nachtmarkt

Nachtmärkte gibt es unzählige in der Stadt, in allen erdenklichen Größen. Wenn es dunkel wird, also zur Zeit so gegen 18:30 Uhr, trifft man sich hier mit Freunden um - na was wohl? - richtig: zu Essen. Außerdem kann man sein Geld in unzubereitete Lebensmittel (die feilgebotenen Waren reichen von Fisch über rohes Fleisch bis hinzu aller erdenklichen exotischen Arten von Früchten) und Produkte der Bekleidungsindustrie investieren.

Nachtmarkt: Gut gekleidet

Auch in Taiwan ist man gerne zeitgemäß gekleidet. Gut aussehen für wenig Geld, das ist kein Widerspruch wie oben abgelichtetes Modell eindrucksvoll demonstriert. Dieses stimmige Outfit für alle Lebenslagen, vom Strandbesuch bis zum Büroalltag, ist tutti completti für schlappe 25,- € zu haben - und mit wenig Verhandlungsgeschick sogar noch billiger!

Die Straßenhändler bieten auch Markenware beliebter Designer-Labels und diese oft zu einem Bruchteil des Preises, der sonst in vom Hersteller authorisierten Geschäften abgerufen wird, an. Und ganz bestimmt handelt es sich dabei immer um Originalware und keine billigen Fälschungen, wie einem jeder Händler auf Nachfrage versichert.

Nachtmarkt: Grillware

Alle Körperteile vom Rind, Schwein oder Huhn kann der hungrige Kunde direkt auswählen und sich so indviduell, ähnlich einem großen Buffet, zusammenstellen. Ein Zettel vermerkt Art und Umfang der ausgewählten Mahlzeit. Mit diesem Coupon in der Hand kann man sich dann wenige Minuten später die fertig gegrillte Ware abholen. Kinderleicht!

Aufpassen sollte man jedoch etwas bei der Auswahl der Speisen: Wenn etwas wie ein Hühnerfuss aussieht, dann ist es auch meistens einer. Und wie man sowas ißt weiss ich immer noch nicht - also Finger weg und lieber altbekanntes auswählen!

Nachtmarkt: Kleine Brötchen (1)

Nachtmarkt: Kleine Brötchen (2)

Meine Lieblingsspeise: Bao Tse. Kleine, heiße, gefüllte Brötchen. Gefülllt mit Zwiebeln und Gehacktem, mit Kohl, mit allem möglichen. Frisch gedämpft und so lecker wie es aussieht.

Nachtmarkt: Taiwanesische Currywurst

Wer hier eine Curry-Wurst oder überhaupt eine Bratwurst sucht wir nicht fündig werden. Das gibts hier nicht, wegen genügend guter Alternativen vermisst man es aber auch nicht. Das Ding auf dem Plakat kommt der Curry-Wurst noch am nächsten, inklusive Ketchup und Mayonaise.

Rauchen verboten!

Rauchen ist in Gebäuden generell verboten, in vielen Kneipen aber erlaubt. Wer sich nicht dran hält bekommt Besuch von der oben abgelichteten Dame. Und wird vermutlich mit dem Knüppel bestraft weil man unartig war.

Das ist praktisch, denn oft muss man (in Deutschland) für eine solche "Bestrafung" in einschlägigen Etablissements inklusive asiatischer Verkleidung der Bestraferin viel Geld bezahlen. Hier ist es ein Gratis-Service in dessen Genuss man durch das Abbrennen einer Zigarette kommen kann. Wenn sich das erst einmal rumspricht...

You are in the army now!

Das Plakat will mit der dargestellten Strandszene zum freiwilligen Dienst in der Armee animieren. Wer also gerne halbnackt am Strand liegend mit anderen Jungs eine menschliche Pyramide bildet und dafür auch noch bezahlt werden möchte, für den ist die taiwansische Armee vielleicht der ideale Platz.

Ob man auf sowas steht oder eher doch nicht kann man leicht im Rahmen des regulären Wehrdienstes ausprobieren. Der dauert hier ein Jahr. Der Bassist einer Rockband, den ich neulich auf einem Konzert kennen gelernt habe, muss ab September seinen Dienst antreten, sieht der ganzen Sache aber entspannt entgegen.

Anders ein in den USA lebender Exil-Taiwanese. Um seinen taiwanesischen Pass behalten zu können ist er hier aufgekreuzt, hat sich gegen etwas Geld untauglich mustern lassen und reist nun wieder zurück in die USA.

24.8.09

Bilder und ihre Geschichten

Wie der geneigte Leser auf meiner FLICKR Seite sehen kann habe ich bisher fleißig meinem liebsten Hobby, dem fotografieren, frönen können. Der Versuchung, Geld für neue Linsen oder andere Gerätschaften auszugeben, habe ich bisher wiederstehen können. Anbei heute im folgenden ein paar Bilder mit erläuterndem Text.


Zweites AKW Taiwans nahe Taipei

In Taiwan wird nach wie vor unerschrocken auf Strom aus Kernkraftwerken gesetzt. Im Bild ist das zweite von insgesamt vier Atomkraftwerken des Landes zu sehen. Die Anti-Atomkraftbewegung war ein wesentlicher Teil der Demokratisierungsbewegung welche in der Gründung der DDP Partei mündete. Die DDP Partei hatte die amtierende KMT Partei Ende der 90er Jahre erfolgreich aus dem Amt jagen können und hatte ihrem Wahlversprechen folgend den Bau eines fünften AKWs mit dem Hinweis, in Sachen „Energiepolitik möge man zukünftig lieber von Deutschland lernen“ (Präsident Chen Shiu-bian), gestoppt.

Derzeit mit der KMT in Regierungsverantwortung erlebt die Nutzung von AKWs wieder eine gewisse Renaissance. Einig ist man sich darüber, das es auf der Insel keinen sicheren Platz für neuere Kraftwerke gibt. Diese wie bisher praktiziert in die Nähe von großen Städten, in nicht Erdbeben- und Erdrutsch-sicheren Gebieten zu errichten ist aus Gründen der Sicherheit gerade jetzt, nach dem schweren Taifun, politisch jedoch nur schwer umsetzbar.

Früher wurde der Atommüll auf kleinere, zu Taiwan gehörende, Inseln im Pazifikraum verschifft. Die Yami-Ureinwohner auf der Orchideeninsel kann man heute allerdings nicht mehr so leicht täuschen wie das in der Vergangenheit der Fall war: eine als Fischkonservenfabrik deklarierte Endlagerstätte für schwach radioaktiven Atommüll auf der Orchideen-Insel wurde dann doch auffällig als keine Fischkonserven die Anlage verliessen. Außerdem hat man einen Wiederspruch zur gewünschten touristischen Nutzung dieser Inseln erkannt. Auch hier kann man von Deutschland lernen und sollte vielleicht eine Delegation in das „Kernkraftwunderland“ nach Kalkar entsenden.


Beleuchtung eines Kraken-Kutters

Fische und andere Meeresbewohner sind ein integraler und extrem beliebter Bestandteil taiwanesischer Küche. Um Kraken in allen erdenklichen Größen zu fangen bedarf es jedoch eines Tricks: Bei Nacht fahren mit überdimensionierten Glühbirnen ausgestattete Kutter aufs Meer.

Die eingeschaltete Christbaumbeleuchtung dieser Kutter simuliert den Kraken ein Vollmondszenario das sie zum auftauchen in fanggerechte Wassertiefen animiert. Wieso die Kraken seit Jahren auf diesen wenig subtilen Trick hereinfallen und nicht merken, das mehr Lampen an sind als das Monde um die Erde kreisen habe ich noch nicht verstanden. Der Erfolg dieser Fangmethode gibt den Fischern augenscheinlich Recht.


Tanzsaal unter der Autobahn I
Tanzsaal unter der Autobahn II

Es mangelt in Taipei an Parks, davon gibt es nur eine handvoll. Sie scheinen eher zufällig entstanden zu sein und machen nicht den Eindruck, als verdanken sie ihre Existenz einer planerischen Handlung. Oft wurde wohl einfach vergessen, eine entstehende freie Fläche zuzubetonieren oder dort ein Hoch-/Wohnhaus zu errichten.

Parks haben aber bei den vorherrschenden Wetterbedingungen auch einige Nachteile, weshalb man ihr Fehlen hier wohl nicht über die Maßen groß vermisst: Ihre Unterhaltung kostet Geld, sie können nur wenig Schutz gegen die Sonne und das schweineschwülheiße Wetter bieten,
und bei Regen sind sie außerdem weitesgehend unbenutzbar.

Pragmatische Lösungen um trotzdem öffentlich nutzbaren Raum im Freien für die Bürger Taipeis zu schaffen sind in die Stadtautobahnen integrierte Plätze: Unter den Auffahrten für diese Schnellstraßen sind mit Bänken und Deckenventilatoren ausgestatte Freiflächen eingebaut. Die Grundflächen sind grasgrün angestrichen, kniehohe einrahmende Betonblocker verhindern eine Überflutung im Falle eines Regengusses und das befahren der Fläche mit Motorrollern.

Dem Straßenlärm trotzend kann man hier feine Partys feiern und stört keinen Anwohner durch zu lauten Lärm. Über einen in die Wand integrierten Münzfernsprecher können bei Bedarf weitere Gäste hinzu- oder ausgeladen werden. Mahnend weist eine Wandinschrift darauf hin, an diesem Ort bitte nicht zu grillen.

Beliebt sind diese Orte vor allem bei älteren Mitbewohnern der Stadt die sich hier in sich für mich nicht erschließenden Abständen zu Tanzveranstaltungen verabreden, vergleichbar in etwa mit den samstäglichen Rentnertanztreffen in „Planten und Bloomen“ in Hamburg. Der glatte Bodenbelag eignet sich tatsächlich gut dazu, hier das Tanzbein zu schwingen. Auch früh Morgens beim Sonnenaufgang werden diese Flächen gerne im Rahmen kollektiver Frühgymnastik (Tai Chi) genutzt. Was hier Abends so abgeht oder auch nicht habe ich bisher nicht beobachten können. Vermutlich wird einfach gegrillt, denn in Taiwan wird gerne gegegessen.


Sonnenschutz durch Schirm

Wichtigster Schutz gegen die Sonne sind Schirme. Auch bei feinstem Sonnenschein und positivstem Wetterbericht verlassen vor allem Taiwanesinnen nicht das Haus ohne eine Regenschirm der bei Regen und bei Sonnenschein getragen wird.

Grund hierfür ist weniger die nachvollzielbare Schatten und damit Kühle spendende Wirkung der Schirme, sondern ihr Schutz gegen UV Strahlung und eine damit einhergehende Bräunung der Haut. Sonnencreme habe ich in einschlägigen Drogeriemärkten bisher nicht im Sortiment gefunden, stattdessen dominieren Regalmeter an Weissmachcreme.

Einem westlichen Standards nicht kompatiblem Schönheitsideal folgend wird Hautbräunung nicht als erstrebenswert hübsch sondern vielmehr als hässlich empfunden. Angestrebt wird eine alabasterweiße Hauttönung, idealer weise nicht gestört durch Sommersprossen. Hersteller von Sonnenbänken und Betreiber von Bräunungs-Studios können daher Taiwan ersatzlos aus ihren Business-Plänen streichen.

23.8.09

Wie ich in Taipei lebe

Ein paar Eindrücke aus meinem direkten Wohnumfeld in Taiwan. Die Wohnung befindet sich in einer Seitengasse neben der U-Bahn Station „Da Ping Lin“ (frei und wörtlich übersetzt „Grosse Quadratmeter Wald“, ein Wald – vor allem ein großer - steht hier aber schon seit Jahrzehnten nicht mehr). Von hier sind es 15 Minuten mit der Bahn zum Hauptbahnhof, was so etwas wie ein Zentrum Taipeis ist. Obwohl man hier ein Zentrum oder eine Innenstadt, wie man es aus europäischen Städten vielleicht gewohnt ist, nicht kennt.


Mein Zimmer

Mein Penthouse-Loft auf Studentenbuden-großen 15 qm (250,- € für zwei Monate) – so riesig, das es nur mit Mühe durch ein Weitwinkel-Objektiv auf ein Bild passt. Das Schaumstoff-Futon „Sultan“ habe ich vom örtlichen IKEA, wichtigstes Ausstattungsmerkmal ist die Klimaanlage welche den Raum auf Wunsch auf herrlich kühle 25 Grad Celsius herunterkühlt. Ohne geht’s gar nicht!

Taiwans Antwort auf die Erfindung des Stacheldrahtzauns

Sicherheit geht vor: Glasscherben sollen verhindern, das sich Unbefugte durch überspringen der zwei Meter hohen Mauer Zutritt zum Hinterhof verschaffen. Neben blutigen Händen würde ein potentieller Dieb dort auch nur Müll (hauptsächlich Beton und alte Sachen wie Kühlschränke die vor sich hinrosten) vorfinden.

Alle Türen werden in Taiwan durch von außen angebrachte Stahlgitter doppelt gesichert, letzteres gilt auch für alle Fenster. Um meine Wohnung zu betreten benötige ich ein sechs Schlüssel umfassendes Schlüsselbund: Zwei für die Stahltür und das Gitter zur Haupttür des Wohnblocks, zwei für das Stahlgitter und die Holztür zur Etage auf der ich wohne und zwei Schlüssel schließen das Stahlgitter und die Tür zur eigentlichen Wohnung auf. Mehr Sicherheit geht nicht, wer dieses einmal in Deutschland simulieren möchte: Einfach Scheiße bauen und in ein Gefängnis einliefern lassen - das spart außerdem hohe Reisekosten und die fällige Monatsmiete.


Straße zu meiner Bude

Die Straße, in der sich meine Wohnung befindet, ist eine verkehrsunberuhigte Einbahnstraße. Manche Verkehrsteilnehmer halten sich an die aufgetragene Fahrtrichtung, auch die anderen Verkehrs- und Straßenschilder werden von jedem Europäer verstanden.


Bach vor der Haustür

Direkt neben der Straße der Grund für ihre Einbahnbefahrbarkeit: Ein malerischer Bach, von mehr Brücken überspannt als es in ganz Venedig gibt und garantiert ohne irgend welch geartetes Zeichen von Leben: Keine Fische, keine Vögel, keine Pflanzen begrünen das betonierte Bachbett. Nach Regenfällen mutiert das kleine Rinnsaal binnen Minuten zu einem reißenden Strom.


Frischfleisch

Einen Schlachterladen gibt es hier nicht, dafür ein paar mobile Fleischerstände direkt an der Straße. Man kann dem Schlachter bei seiner Arbeit zuschauen und sich direkt die besten Stücke aussuchen.


Ölbohrung

Vor zwei Tagen haben Arbeiter in der Straße nebenan zufällig Öl gefunden und bohren nun nach der Quelle. Vermutlich handelt es sich bei den ersten Funden nur um ins den Boden gesickertes Altöl, welches hier immer direkt in den Bach verkappt wird. Es gibt wahrscheinlich gar keine natürlichen Vorkommen. Trotzdem wird fleißig weitergebohrt und gesucht.

19.8.09

Studieren und Straßenverkehr

Lernen popernen – Fleißige Chinesen im Lesesaal


Einer meiner Ziele während meines Aufenthalts hier ist das Lernen der chinesischen Sprache (Mandarin, also hochchinesisch, um genauer zu sein). Eine gute Umgebung hierfür ist der Lesesaal der Nationalbibliothek. Er bietet große Tische, gute Stühle und ist vor allem klimatisiert. Zusätzlich ist er prall gefüllt mit anderen Studenten die auch fleißig Bücher wälzen. In einer solchen Umgebung habe ich keine Ablenkung jedweder Art zu fürchten und kann mich gut auf das angepeilte Lernpensum konzentrieren.

Das fotografieren in der Bibliothek ist leider verboten, weshalb folgende textuelle Beschreibung ausreichen muss. 90 % der Lernenden (weiblich und männlichen Geschlechts) trägt seltsamer weise eine Brille, bevorzugt Modelle mit dickem schwarzem Plastiksteg, Rand und Bügel. Von der Seite sehen sie aus wie Sonnenbrillen, aber die braucht man drinnen als Bibliotheksstubenhocker natürlich nicht wirklich.

Auch auf einem abendlichen öffentlichen Konzert einer Abschlussklasse eines lokalen Colleges, vergleichbar der Abgangsklasse eines Abitur-Jahrgangs, im Daan Park tragen alle Schüler eine ähnliche Brille. Nur der aus Japan angereiste Dirigent ist brillenlos. Brillenträger sind hier offensichtlich alle Bücherwürmer. Mao Zedong lag also goldrichtig, als er alle Brillenträger unter den Generalverdacht des Intellektuellentums stellte um derartige Elemente zu entfernen.

Abgenommen wird die Brille im Lesesaal nur zum schlafen. Oder, besser gesagt, um ein Nickerchen zu machen. Das gehört hier ganz natürlich zum Lernprozess dazu: Erst wird eine halbe Stunde gebüffelt das die Schwarte kracht, dann kurz im sitzen für ein paar Minuten am Tisch gepennt, darauf geht das Spiel wieder von vorne los.

Angeblich ist hier in Taiwan das schlafen sogar am Arbeitsplatz üblich. Als Arbeitgeber westlicher Prägung mag man denken, „Ich bezahle euch doch nicht fürs Schlafen!“, doch hier wird in regelmäßigen Abständen, dem eigenen Körperempfinden gehorchend, eine kurze Schlafpause eingelegt.Von den Profis lernend habe ich mir jetzt abgeschaut und tue es ihnen gleich: Erst die Sonnenbrille absetzen, dann den Kopf in den Armbeugen versenken und ein paar Minuten pennen. Am Feintuning muß ich noch ein wenig schrauben, auf Anhieb verschlafe ich so eine volle Stunde. Das ich danach wieder sie Sonnenbrille aufsetze und weiterlerne sieht zwar extrem albern aus, aber eine andere Option sehe ich als nicht-brillenträger nicht.

Irrer Verkehr


Platzsparendes Fortbewegungsmittel Nr. 1: Der Motorroller, zu 99.9 Prozent aus japanischer Produktion passen bis zu vier Verkehrsteilnehmer auf ein solches Gefährt. Normale Besatzung als Familienkutsche: Zwei Kinder stehend zwischen Sitz und Lenkrad, Vatti vorne auf der Bank, an seinen Rücken gelehnt schmiegt sich Mutti an

In Taiwan wird wie bei uns auf der rechten Seite gefahren und es gelten generell die gleichen Verkehrsregeln wie aus Deutschland bekannt. Am Straßenverkehr möchte ich aber trotzdem nicht teilnehmen, was nicht nur an fehlenden formalen Kriterien wie meinem nicht-internationalisierten Führerschein liegt (in dem auf dem 18 Jahre alten Passfoto zu meiner Überraschung ein fetter „Hello Kitty“ Aufkleber prangt – keine Ahnung wann und wie der dahin gelangt ist, aber ob mit oder ohne diesem Aufkleber bin ich sowieso nicht anhand des Bildes identifizierbar).

Viel mehr Angst machen mir die vielen Motorroller (man sagt hier „Scooter“ oder auf chinesisch „Moto che“ dazu), deren Verhalten im Straßenverkehr mir unerschließbar chaotisch vorkommt Vom Taxi oder einem Bus aus betrachtet umkreisen sie jedes Fahrzeug mit vier Rädern im fließenden Verkehr von allen Seiten: Auf Umlaufbahnen denen von Neutronen um ihren Atomkern gleich sind sie mal links, mal rechts, mal hinten und mal vor einem Fahrzeug. Mit Gewissheit kann man nur sagen, das sie einem Fahrzeugführer nie in Geisterfahrermanier entgegen kommen.

Schaltet eine Ampel auf Rot und kommt der natürliche Verkehrsfluss zum erliegen so fliessen sie Wassergleich nach vorne und halten in tief gestaffelten 10er Reihen direkt unter der Ampel. Grün ist immer dann, wenn eine Rollerarmada den sich hinter ihr aufstauenden Verkehr anführend die Kreuzung überquerend ins Getümmel stürzt. Das ist auch ein guter Zeitpunkt für Fußgänger, nicht nur der Ampelanlage beim überqueren der Straße zu vertrauen und vor betreten derselben einen prüfenden Schulterblick nach links und rechts zu wagen.

Dieser scheinbar nur wenigen Regeln gehorchende Verkehrsfluss kann man nur als ein dynamisches, sich selbst reuglierendes System begreifen und es ist ersteunlich, das es zu so gut wie keinen kleineren oder größeren Unfällen kommt. Auf den entlegenen Inseln werde ich mir demnächst selber mal einen Roller mieten, hie im Stadtverkehr beschränke ich mich auf eine Verkehrsteilnahme als Fußgänger. Fahrräder sind hier im Neupreis mit um die 100,- € zwar lachhaft günstig, aus oben genannten Gründe verzichte ich aber auch hier lieber gleich.

18.8.09

Freischwimmer: Taiwanesen und das Wasser

Der „Lonely Planet“ weiß zu berichten, das Taiwanesen in der Regel Nichtschwimmer und in seltenen Fällen miserable Schwimmer sind. Trotz der Insellage und dem Faible für Fische und Meeresfrüchte auf der Speisekarte hat sich die Idee der Bewegung eines Menschen im Wasser ohne technische Hilfsmittel wie Boote etc. hier anscheinend nie richtig durchsetzen können.

Weshalb es auch nur wenige Schwimmstrände gibt. Meistens Bereiche, in denen man knietief im Wasser steht. Das ist dann aber auch oft schon das höchste der Gefühle, mehr planschen als schwimmen. Laut Reiseführer springen Taiwanesen immer dann ins Wasser, wenn sie dort andere Menschen sehen: ungeachtet ihres eigenen Schwimmvermögens denken sie dann, so Lonely Planet, das es hier sicher sei, denn die anderen gehen ja auch nicht unter.

Ob das eine unzulässige Übertreibung ist weiß ich nicht. Es scheint aber doch ein Stück weit zu stimmen. In einem beliebten Reisesendung im lokalen Fernsehprogramm gab es neulich einen Bericht über die „Grüne Insel“ - einstmals Gefängnis und Folterstube des Regimes eine Bootstunde südöstlich vor Taiwan ist diese Insel heute ein beliebtes Ausflugsziel. Besonders beliebt: Schnorcheln im Korallenriff, keine 30 Meter vor der Küste dieser Insel. Problem: Man benötigt rudimentäre Schwimmkenntnisse. Die Hälfte der im Film porträtierten Reisegruppe war trotzdem, neben Neoprenanzug, Flossen, Taucherbrille und Schnorchel mit ein bis zwei Rettungsringen ausgestattet.

Chi Hsuen bestätigte mir, das es der volle Ernst sei und die jetzt tatsächlich Schnorcheln, obwohl sie nicht schwimmen können („Die Reiseveranstalter der Schnorcheltouren werben sogar damit, das es keiner Schwimmkenntnisse bedarf!“). Und wirklich: Ein Rettungsring um die Hüften, den zweiten fest in den Händen paddelten sie das Gesicht nach unten durch das Wasser. Ein Hund im Wasser bewegt sich eleganter und würdevoller. Seltsamer weise scheint es auf dieser Insel keine Schwimmschule zu geben – eine Marktlücke welche die vielen Tauchschulen vor Ort vielleicht einmal besetzen sollten.

Inzwischen habe ich einen Trip auf diese Insel planen können. Das ist wegen den Taifunschäden nicht so einfach gewesen, aber in drei Wochen werde ich mir vor Ort selber ein Bild machen können. Ob das Fernsehen in diesem Fall lügt wird sich dann zeigen.

Lin Tian Zheng, der Held von Yehliu

Vielleicht illustriert auch die Geschichte von Lin Tian Zheng das Schwimmvermögen der Taiwanesen. An der Nordküste wird er wie ein Held verehrt und ihm zu Ehren ist sogar eine Bronzeplastik aufgestellt worden. Am 18.3.1964 fiel ein Student dort beim fotografieren ins Wasser und drohte zu ertrinken. Herr Lin, von Beruf Fischer, der gerade in der Nähe seinen Tagesfang verticken wollte, sah dieses und sprang beherzt hinterher um den Ertrinkenden zu retten. Eine lobenswerte Tat die zu Recht mit einem Denkmal gewürdigt wird.

Dumm war nur, das Herr Lin nicht schwimmen konnte. Also ertranken an dieser Stelle beide. Heute erinnern neben der Statue aufgestellte Rettungsringe an den selbstlosen Einsatz Lin Tian Zhengs. Und letztere sind vermutlich zukünftig besser geeignet, das sich diese Geschichte dort nicht wiederholt.

14.8.09

Taiwan - Shocked By The Thermik

Wetter: Taifun und Regenzeit

Jeder ordentliche Reisebericht und jede Postkarte beginnt natürlich mit dem Wetter. Denn Wetter ist bekanntlich immer, und jeder hat eine Meinung dazu. Derzeit ist Hochsommer und damit Regenzeit. Vom Pazifik kommend wandern zu dieser Jahreszeit tropische Wirbelstürme, Taifune genannt, nach Osten in Richtung China. Auf ihren halbkreisförmigen Bahnen streifen sie fast immer Japan und Taiwan, je nach Radius auch die chinesische Küste oder sogar das Hinterland.

Während bei uns Hoch- und Tiefdruckgebiete alternierend einen Frauen- oder Männernamen verpasst bekommen, so denken sich auch die asiatischen Wetterkundler Namen für jeden Taifun aus. Der welcher letzte Woche Freitag über Taiwan gebraust ist heißt „Morakot“. Welche Sprache das ist, weiß ich nicht so genau. Bei mir weckt dieser Name jedenfalls biblische Assoziationen, vielleicht ist es tatsächlich hebräisch?

Biblisch würde jedenfalls passen, denn seitdem geistern Bilder apokalyptischen Ausmaßes durch alle Medien. Der Sturm selber war in Taiwan nicht so schlimm - es gab einen Tag schulfrei (Taifun-Holiday), das ist so etwas wie bei uns Hitzefrei, beschränkt sich aber nicht nur auf die Schule sondern gilt auch auf für Arbeitnehmer die an einem solchen Tag zu Hause bleiben dürfen.
Dramatisch hingegen waren bei Morakot die unwahrscheinlich großen Regenmengen die er im Schlepptau hatte.

Diese haben alles unter Wasser gesetzt, Bäche mutierten über Nacht zu reißenden Tsunamis und Erdrutsche begraben alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Gegen die Bilder, die hier derzeit die Medien dominieren, war das Elbhochwasser 2002 ein Kindergeburtstag.

Die Wassermassen haben im Süden und Osten der Insel so ziemlich jede Brücke oder Strasse unterhöhlt und zum Einsturz gebracht. Komplette Häuser schwimmen wie eine Arche Noah durch die Flüsse. In zwei Fällen wurden komplette Dörfer verschüttet (ok, das ist eine Übertreibung – von den 327 Häusern des Dorfes blieben ganze zwei stehen). Ganze Landstriche sind von der Außenwelt abgeschlossen und müssen aus der Luft vom Militär per Hubschrauber versorgt werden. Mindestens 250 offizielle Tote gibt es bisher, die Vermissten sind ungezählt und am Ende werden wohl bis zu tausend Opfer zu beklagen sein.

Ironie des Schicksals: Noch vor kurzem wurde die sommerliche Wasserknappheit beklagt und über eine Rationierung des Wasserverbrauchs für die Landwirtschaft nachgedacht. Bei den übervollen Stauseen ist das jetzt natürlich kein Thema mehr. Vielmehr kursiert die Angst, das einige Dämme brechen könnten. Für meine weitere Reise werde ich mich auf den vom Taifun nicht betroffenen Norden beschränken müssen. Mindestens so lange, bis die Straßen wieder repariert oder passierbar sind.

Nass ist es hier während der Regenzeit aber auch im Norden Taiwans. Mindestens einmal pro Tag und nicht unter drei Stunden dauert ein solche Schauer hier. Der Regen ist laut wie ein großer Wasserfall und übertönt mühelos den nicht gerade leisen Verkehr. Das Wasser steht knöchelhoch in den Straßen und Schirme schützen bestenfalls für kurze Zeit die Frisur.


Einrichten: Shoppen bei IKEA

Lost in Translation: die Bude, die ich für 250 € pro 2 Monate gemietet habe ist keine 30, sondern 13 qm groß. Klein aber sehr sauber, inklusive Fernseher mit englisch-sprachigen Programmen, Internetanschluss ohne IP Adresse („Mei you IP“ - verstehe ich zwar, eine Lösung für das Problem hat die Vermieterin aber auch nicht zur Hand, später kriege ich das technische Problem in den Griff indem ich kurzerhand den DSL-Router neu boote).

Am wichtigsten bei dem Wetter (siehe oben) sind aber: eine (gut funktionierende) Klimaanlage, eine eigene Dusche und eine Waschmaschine. Auch wenn man jedes mal einen Schock bekommt wenn man die schützende Wohnung verlässt. Pro Tag gehen mindestens zwei T-Shirts durch und muss die Dusche zwei Mal genutzt werden, darunter geht es nicht.

Sehr spartanisch ist das Bett. Einfach ein Holzbrett, ohne Matratze. Die hat Chi Hsuen auch nicht besorgt weil sie denkt, das man die nicht braucht. Ich probiere es nach dem Flieger aus und erhole mich etwas vom Jetlag. Dann sind nach ein paar Stunden Schlaf auf einem kieferfurnierten Holzbrett doch die Knochen etwas stark belastet. Ich kann ja wenn ich müde bin auf allen möglichen Unterlagen pennen - auf der Erde, auf Bänken, alles kein Problem – aber hier brauche ich für die nächsten Monate eine tragfähigere Lösung. Sie heißt „Sultan“ und ist ein aufrollbares Schaumstoff-Futon von IKEA für 25 €. Darauf schläft man tatsächlich sehr königlich.

Nachdem ich es mir heimelich gemacht habe schaut doch noch einmal die Vermieterin auf einer Art Kontrollbesuch vorbei. Ich scheine diese Prüfung zu bestehen, singe eben noch ein paar Takte aus dem Lied „Ni shou shenme“ (das kennt hier jeder, eine zuckersüße 70er Schnulze in der sich die Sängerin wortreich darüber beklagt, dass sich ihr Geliebter nicht mehr bei ihr meldet) im Duett mit ihr.


Sport im Sprawl


35 Grad schon morgends um 9:00 Uhr, sehr hohe Luftfeuchtigkeit. Ich will einfach einsteigen und laufe zum eingewöhnen erst einmal eine halbe Stunde. Fühlt sich nicht gut an, vielleicht habe ich noch den Jet Lag in den Knochen oder sollte nicht mit nüchternem Magen laufen

Normalerweise bin ich nach dem laufen Fit und könnte Bäume ausreissen. Heute bin ich schlapp wie ein Ball aus dem die Luft gelassen wurde und kotze nach dem Lauf schleimigen Mageninhalt auf den Boden. Nach 10 Minuten Ruhe im Schatten ist mir auch nicht mehr schwarz vor den Augen. Ich werde es etwas ruhiger angehen und vielleicht erst einmal etwas wandern statt gleich in die Vollen zu gehen. Die Luft ist auch echt zum kotzen (das ist wortwörtlich gemeint) und unglaublich schlecht, ich sollte einen der größeren Parks und zu einer anderen Tageszeit – vielleicht früher oder spät am Abend – Sport treiben.

Vielleicht sollte ich zum laufen den nächstgelegenen Friedhof ausprobieren. Er ist um eine kleine Hügelgruppe gebaut, von dort hat man außerdem einen schönen Blick auf die Stadt Taipei. Dort zu wandern oder spazieren zu gehen würde einem Chinesen niemals in den Sinn kommen, auf solch eine Schnapsidee kann nur ein Europäer kommen.

Friedhöfe werden hier als Wohnstädte der Geister der Verflossenen angesehen. Der einzige Grund sie zu betreten ist die Ehrung der Gestorbenen an ihren Grabstädten, man bringt ihnen Rauchopfer in Form abgebrannter Räucherstäbchen und betet für sie. Ansonsten verlässt man das Areal des Friedhofs und bleibt nicht länger als für eine solche Prozedur eben nötig.

Grabpflege ist daher auch ein Fremdwort, die Friedhöfe wirken eher wie vom Dschungel überwachsene verlassene Städte. Das Gras steht kniehoch um die Grabsteine. Ganz anders als bei uns, wo Friedhöfe nebenbei einen parkähnlichen Charakter haben und auch zur Erholung aufgesucht werden. Chinesen sind sehr geschockt, wenn sie auf Deutschlandreise wie selbstverständlich zu grossen Friedhöfen geschickt werden - Geister und ihre Heimstadt sollte man in Ruhe lassen!


German Gemütlichkeit at „Zum Fass“


Mit diesem eingängigen Slogan buhlt die laut Eigenwerbung einzige deutsche Kneipe Taipeis erfolgreich seit 1975 um taiwanesische Kundschaft. Ab und zu verirren sich auch Landsleute, die sich längere Zeit hier im Auslandseinsatz aufhalten, und deutsche Touristen wie ich in dieses Schankwirtschaft.

Das dargebotene Deutschlandbild lehnt sich an die bekannten von den USA in die Welt gesetzten Stereotype an: Deutschland gleich Bayern, rustikale Gemütlichkeit bei Schweinshaxe und Bier. Das Personal hat über „Bitte“ und „Danke“ hinausgehende szenetypische Phrasen wie „Wohl bekomms!“ und „Prost!“ im Repertoire.

An dem Restaurant selbst gibt es nichts auszusetzen, es wirkt sehr authentisch und könnte so 1:1 auch in einer süddeutschen Stadt wie München stehen. Alles andere als ein künstlich zusammengeklaubtes Disney-Abziehbild des Hofbräuhauses. Die Atmosphäre ist derart authentisch das mir gar nicht das im Hintergrund laufende Radioprogramm von Bayern 3, das neben Staumeldungen aus dem Großraum München die Ergebnisse des letzten Spieltags der Bundesliga aus bayrischer Sicht diskutiert. Erst als mich Chi Hsuen darauf aufmerksam macht fällt mir auf, das ein solches Programm hier in Taipei üblicher weise wohl nicht in einer Kneipe gespielt wird. Und das ich ja gar nicht mehr in Deutschland bin.

Einziger Wermutstropfen: Es gibt kein gutes Bier. Kein Pils, kein Astra, kein Becks. Auf der Suche nach gutem Bier bin ich also noch nicht fündig geworden. Stattdessen steht die gesamte bayrische Bierpalette vom Weißbier bis zum Weizenbier aus dem Hause Erdinger auf der Getränkekarte. Warum kann man nicht mal ein paar Steuergrossen investieren und den Bayern beibringen, wie man ein richtiges Bier braut? Am Ende denkt die ganze Welt noch, das wir Deutschen dieses süße, cola-gleich klebrige Weizenbier-Zeug gerne trinken und, schlimmer noch, das das Bier sei! Das ist doch mal eine sinnvolle Entwicklungshilfe, zu Beginn könnte man Erdinger und Co einfach verstaatlichen und einfach dicht machen. Es wird mir ewig ein Rätsel bleiben, warum bei dem vielen leckeren Bier, das in Deutschland gebraut wird, solch ein Dreck produziert werden und sich Bier nennen darf.


„Spaß beiseite“ - Die chinesische Perspektive auf Deutschland


Wenn es draußen regnet oder zu heiß ist, dann verzieht man sich am Besten in einen der vielen vollklimatisierten Einkaufstempel Taipeis. Diese gibt es für alle Arten von Produkten, hauptsächlich techniklastige Geschäfte vom Schlage eines Saturn oder Media-Markts. Mein absoluter Favorit hier ist der eslite Shop: Bücher, Musik; Andenken und Designkrempel auf vier Etagen inkl.einer Fressmeile im Keller.

Beim Stöbern stoße ich dort auf ein Buch mit dem Text „Spaß beiseite“ neben vieler für mich nicht verständlicher chinesischer Schriftzeichen auf dem Titel. Es entpuppt sich beim durchblättern als ein sehr aktuelles Faktenbuch das dem geneigten Leser die wichtigsten Aspekte zeitgenössischer deutscher Kultur beibringen und ihn so auf einen möglichen Kulturschock im Falle einer Deutschlandreise möglichst schonend vorbereiten soll.

Im Untertitel wird (auf Chinesisch) der Anspruch „Das einzige Buch das sie brauchen um Deutschland zu verstehen“ formuliert. Damit ist die Messlatte sehr hoch gelegt, ich werde neugierig und habe automatisch ein schönes Geschenk für Chi Hsuen - deren Hilfe ich für das Verständnis des Inhalts benötigen werde, denn nur ab und zu stehen für mich verständliche deutsche Namen und Wörter im Text.

Das die Autorin eine intime Kennerin der Materie ist und mit einem mir spontan sympathischen Humor zur Sache geht erschließt sich schon zu Beginn: Auf einer Karte sind alle 17 Bundesländer und ihre Hauptstädte aufgelistet. Inklusive Mallorca. Praktischen Wert dürfte für den Leser auch die Übersetzung wichtiger Phrasen wie „Öffnen der Ware verpflichtet zum Kauf!“, „Draußen gibt’s nur Kännchen“ oder „Im Stehen pinkeln verboten“ haben.

Auch ich lerne neues über meine Heimat: Auf der Liste der 50 erfolgreichsten deutschen Filme gemessen an der Zuschauerzahl befindet sich auf Platz vier „Schulmädchenreport – Was Eltern nicht für möglich halten“ - direkt hinter Herbigs Winnetou und StarTrek Persiflagen und „Otto – der Film“. Der zweite Schulmädchenreport schafft es immerhin noch in die Top 20, der analog aufgebaute Ruhrgebiets-Softporno „Lass jucken, Kumpel!“ behauptet sich in der Top 30.

Außerdem lerne ich, wie man „Reeperbahn“ und „FC St.Pauli“ auf Chinesisch übersetzt. Vielleicht lasse ich mit letzterem Ausdruck die Rückseite meines Pauli-Trikot beflocken? Da Fußball hier nicht König ist und ich mir daher als Souvenir kein Trikot einer taiwanesischen Mannschaft mitbringen kann ist das vielleicht ein passender Ersatz.