9.9.06

Baltikum 4: Estlands Küste und Inseln

Allgemeines

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Hüpfspiel auf der Strasse: Auf die EU Zugehörigkeit ist man sehr Stolz

Estland ist das kleinste und zugleich skandinavischte Land
der drei baltischen Staaten. Das schlägt sich nicht nur in
der Sprache nieder, auch vom Design her dominieren von
IKEA bekannte Formen und Farben. Auch preislich bewegt sich
hier einiges auf skandinavischem Sozialstaatpreisniveau. Ist
in Lettland alles zweisprachig mit Rücksicht auf die russische Bevölkerungsminderheit angelegt so muss man hier lange suchen
bis man etwas in kyrillischen Buchstaben findet. Es ist das
Land der unverkrampften Unisextoieletten, je nach Grösse der
Einrichtung findet man mehrere, und hoffentlich eine freie,
davon vor.

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Wodka: Nationalgetränk der nördlichen Länder die an den Polarkreis grenzen

Busfahren - Busse sind in Estland, neben dem
PKW, der einzige Weg das Land zu bereisen. Das es Zuggleise
und Bahnhöfe gibt scheint man vergessen zu haben, es gibt
praktisch keine zivilen Zugreisen. Die Busfahrer strahlen
eine an Stoizismus grenzende Ruhe aus die ihresgleichen sucht.
Strikt halten sie den Fahrplan ein und hampeln nicht lange
herum um etwa zu prüfen ob noch immer alle Reisegäste im Bus
sind oder nicht. Estland von der Küste zur Grenze in einem
Bus von Ost nach West zu durchqueren, zwischen 250 - 300 km
Luftlinie, dauert ungefähr sieben Stunden. Einem baltischen
Sprichwort zu Folge bringen Blumen Reiseglück. Die Busfahrer
halten sich daran und haben stets frische Schnittblumen in
einer Vase neben dem Lenkrad montiert.

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Frische Schnittblumen bringen Reiseglück

Ob aus zivilem Ungehorsam oder anderen Gründen halten sich Busreisende
niemals an die Platznummer welche ihnen beim Ticketkauf zugewiesen wird.
Ich ahme es ihnen nach und verhalte mich entsprechend undiszipliniert.
Schließlich will man als Gast im fremden Land ja nicht gleich anecken
und negativ auffallen. Außerdem weiss ich nicht, was "Bitte räumen sie
diesen Platz unverzüglich, er ist für mich gedacht!!!!" auf estnisch heisst.
Ordnung ist wichtig! Der Busmarkt ist fest in skandinavischer Volvo-Hand.

Finanzielles - Die estnische Währung heisst Krooni.
15 Kronen entsprechen einem Euro. Im Portemonnaie hat man immer ein
stattliches Bündel Geldscheine das schneller zusammenschrumpft als
es einem lieb ist. In einer Kneipe kann man fix 500 Kronen auf den
Kopf hauen. Gewöhnungsbedürftig, in Lettland war es mit einem quasi
1:1 Kurs einfacher, die Übersicht zu behalten. Das Leben hier ist
spürbar teurer als beim südlichen Nachbarn, im Vergleich zu
Deutschland aber immer noch preiswert. Während in Lettland
planwirtschaftliche Einheitspreise bei Busfahrten oder
Eintrittsentgeldern vorherrschte muss man hier jedesmal umdenken.


Sprache

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Estnisch für Busbahnhof

Estnisch ist eine sehr entspannte Sprache. Sie erinnert schon
phonetisch wenig an slawische Sprachen, sondern klingt eher
wie eine Mischung aus Finnisch, Deutsch und Türkisch. Was daran
liegen kann, das es endlich wieder Umlaute in der Sprache (und
damit auch auf der Tastatur gibt). So richtig deutsche Umlaute
ö,ä und ü - nicht die skandinavischen Spielarten wie das
durchgestrichene O oder ein A mit einem Kringel auf dem Giebel.
Mit gleich zwei Umlauten in meinem Namen bin ich hier also ein
gern gesehener Gast. Englische Lehnwörter werden mehr oder
minder direkt übernommen.

Beispiele:

jäääär - Eiskante (Guiness-Buch verdächtige vier Umlaute hintereinander!)
politsei - Polizei
bussijaam - Busbahnhof
internetipunkt - Internetcafe
surfima - surfen
e-mailima - emailen
köök - Küche
gümnaasium - Gymnasium
rüütli - Burg
bochumi - Bochum




Pärnu

Die estnische schönwettersommerfrische direkt an der Ostsee ist meine
erste Station auf estnischem Boden. Die Busfahrt von Riga hierher
führte an der von der untergehenden Sonne malerisch beschienen Küste
Lett- und Estlands entlang. Bei diesem Licht scheint es, als ob die
Flüsse, welche man überquert, nicht in die Ostsee münden, sondern von
dieser gespeist werden. Vielleicht ist es ja auch wirklich so und der
gute alte Ententeich Ostsee hat hier im Baltikum ein paar natürliche
Abflüsse in Form von Flüssen eingebaut? Genügend Wasser ist locker
vorhanden.

Im Sommer boxt hier der Papst im Kettenhemd, jedenfalls
laut Reiseführer. Ganze Discotheken aus dem Land stellen
ihren Betrieb ein und schagen ihre Zelte hier auf. Da
der Sommer vorbei ist hat Pärnu aber schon einmal sämtliche
Klotten eingemottet und auf Winterbetrieb umgestellt. Das
Wetter ist gar nicht so übel, auch wenn es sich nur begrenzt
zum am Strand liegen und in der Sonne brutzeln eignet.

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Umkleidesichtschutz am Strand von Pärnu mit Wurstreklame. Dahinter zieht man
sich gerne um!


Die Damen von der Touristeninformation haben den Saisonwechsel
inhaltlich noch nicht vollzogen und empfehlen einen
Fahrradverleih. Der wird von den di Stefanos, die nebenher noch
eine Pizzeria mit Ostseeblick gleich hinter den Dünen betreiben,
organisiert. Die di Stefanos sind aber inzwischen bereits wieder
in Neapel und haben Pärnu über den Winter den Rücken gekehrt.
Auch die von der Touristeninformation genannten Abfahrtszeiten
der Busse entsprechen meistens denen der Hauptsaison und sind
mit Vorsicht zu geniessen.

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Unterkunft in Pärnu

Das partiell verwaiste Parnü lässt seine Grösse im Sommer nur erahnen. Architektonisch findet man einen ansprechendes Sammelsurium von
mittelalterlichen, hanseatisch dominierten, Bauten über Neoklassizismus
bis hin zu Bauhaus. Das örtliche Backpacker Hostel ist in einem
um die vorletzte Jahrhundertwende gebauten ehemaligen Altersheim
untergebracht. Es erinnert mich stark an meine alte Schule in Detmold.
Es würde mich nicht wundern wenn sich herausstellte das beide Gebäude
vom gleichen Architekten gebaut wurden. Schulen und Altersheime haben
ja eine Menge gemeinsam.

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Die estnische Küche ist eine rustikalere

Bei der Ankunft in Pärnu habe ich Johannes aus Nürnberg/Bamberg
kennengelernt. Anscheinend sind wir zur Zeit die einzigen Gäste
im Hostel. Die alte Frau aus der Küche fährt trotzdem ein
Frühstücksbüffet auf welches locker zehn weitere Gäste satt
machen würde. Sie ist auch die erste Baltin welche Deutsch
spricht (das wenn überhaupt eher von den Älteren verstanden wird,
mit englisch kommt man auch bei Landsleuten am weitesten). Rückt
man den Stuhl vom Tisch ab um sich mit Nachschub zu versorgen
so kommt sie hilfsbereit aus der Küche gesprungen und fragt
"Schmeckts?". Das tut es und so verschwindet sie alsbald
wieder zurück in die Küche um dort still auf ihren nächsten
Einsatz zu warten.

In Ermangelung eines Fahrrad oder Autoverleihs bleibt Johannes
und mir genügend Zeit, Strand und Badeort ausführlichst zu
untersuchen. Und nebenbei in Kneipen gemütlich abzuhängen.
In das Nobelrestaurant lässt man uns leider nicht, wir können
die Hürde der Gesichts/Kleiderkontrolle nicht nehmen. Vielleicht
hätten wir uns vorher einen Tisch bestellen sollen - dann
hätten wir diese Frage beim Eintritt positiv bescheiden können?

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Strasse in Pärnu am Morgen

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Lenin Statue in Parnü: Während im restlichen Ostblock
immer die gleichen Standbilder von Lenin zu finden waren war
die Esten diesem immergleichen Anblick schnell überdrüssig.
Zur Auflockerung wurden daher Standbilder wie dieses, welches
den jungen Lenin beim spielen einer Polka im Exil zeigt,
aufgestellt.




Kuressaare

Zu alten Zeiten hiess Kuressaare, die Hauptstadt der Insel Saarema, Ahrendsburg.
Das der alte deutsche Name Ösel der Insel Saarema nur noch in Wochenschauen
aus dem zweiten Weltkrieg oder in vor 1945 gedruckten Karten Verwendung findet
ist auf jeden Fall eine Verbesserung. Ösel hört sich doch eher so an, als würde
man Gammelfleisch rückwärts essen.

Johannes und ich checken im kleinen Hotel Repro ein. Dominierend sind hier vor Ort
riesige Wellnessbunker in denen es einem mit Schlammbädern, Fitnesstudios
und integrierten Meerwasserhallenbädern an nichts mangelt. Sie bieten das
gesamte Spektrum an Wellnessdienstleistungen welches auch zu Hause
in Bad Meinberg, Bad Oehnhausen, Bad XXX angeboten wird. Mehrere Busladungen
hoch werden Kurgäste zu diesem Zwecke angekarrt.

Das Hotel Repro steht sowohl preislich als auch von den medizinischen
Dienstleistungen her im krassen Gegensatz zu diesen Wellnesstempeln.
Es versteckt sich so geschickt zwischen den Wohnsilos der Einheimischen
das wir es nicht auf Anhieb finden. Dabei steht ein Polizeiauto direkt vor
seiner Tür und nur ein paar Meter weiter gibt es den vermutlich einzigen
Puff mit Nacktbar und Tabledance. Der örtliche Lude engagiert sich touristisch
ausserdem mit dem Billigverleih von Autos (Golf Baujahr 1981!). Mein Zimmer
könnte von der Farbgestaltung her den gleichen Innenarchitekt haben wie
sein Laden ein paar Häuser weiter. Es macht mir aber nichts aus, denn
pinke Wände bin ich spätestens seit der Übernachtung im Elviszimmer
in Liepaja gewohnt. Meine Netzhaut wird in diesem Urlaub stärker strapaziert
als durch stundenlanges starren auf einen Monitor. Nebenbei gibt es ein 1A
Frühstück und das Personal ist sehr freundlich, die Räume ausserdem ruhig
und sauber. Und wir bekommen einen Nebensaisonsspezialtariff verpasst.

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Shoppen in Kuressaame: Judiith verkauft Damenunterwäsche und Handtaschen aus einer Hand

Ein Auto zur Erkundung der Insel mieten wir uns am nächsten
Tag in einer Garage am Stadtrand. Es muss eine persönliche Verbindung
in die Pfalz geben, denn die Autowerkstatt verkauft Gebrauchtwagen
welche noch mit deutschen Nummernschildern aus dieser
Region ausgestattet sind. Es regnet stark an diesem Tag und so ist
der frisch gewaschene heruntergefahrene blaue Opel Corsa schlammverkrustet
als wir ihn zurückgeben, was auch anstandslos akzeptiert wird. Für 22 Euro
pro Tag ist das ein echtes Schnäppchen! Tankstellen hier zulande
sind komplett automatisiert, am Automaten entrichtet man seine Tanksumme
und kann dann so lange Tanken bis das Geld aufgebraucht ist (1 Euro
pro Liter). Die Strassen der Insel sind nur teilweise asphaltiert was zusammen
mit den fast blank heruntergefahrernen Reifen führ ein Fahrvergnügen
der besonderen Art garantiert. Vom Breitengrad her ist man hier
auf einer Höhe mit Schweden weshalb spezielle Verkehrszeichen
konsequent vor kreuzenden Elchen warnt. Elche selbst sehe ich aber nur im
Museum.

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Standbild des schlafenden Soldaten: "Soldaten sind eh nur faule Säcke, die braucht doch kein Mensch" klärt die pazifistische Inschrift auf. Stimmt.

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Amtsschreiben aus Zeiten der deutschen Besetzung 1941-1944

Sehenswert ist vor Ort die alte Burg, welche zwar diverse
Male erobert wurde und den Besitzer gewechselt hat aber
nie zerstört wurde. Ansonsten gibt es ein sehr gemütliches Cafe
in welchem wir uns gerne aufhalten und die Zeit mit Schachspielen
verbringen. Sehr entspannend wird musikalisch abwechselnd
Leonhard Cohen und anderer Easy Listening Kuschelrock
gespielt. Der verrauchte Sprechgesang Cohens ist ein
stil und geschmackvoller Kontrast zum sonst üblichen
ABBA oder Bohlenpopschrott. Die Bedienung ist ausgesprochen
freundlich, was aber auch daran liegen kann, das ich stetig
nachbestelle. Hier im Cafe komme ich endlich zur Ruhe.

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Alte Ordensritterburg in Kuressaare

4.9.06

Baltikum 3: Gauja Nationalpark / Kurland

Nach einer Woche Lettland bin ich im Begriff, meine Reise durch
das Baltikum nordwärts Richtung Estland fortzusetzen. Da es heute
zum ersten Mal den halben Tag lang regnet nutze ich die Gelegenheit
für einen Zwischenbericht.


Gauja Nationalpark

Der Gauja Nationalpark 80 km westlich von Riga umrahmt den Fluss
Gauja. In Lettland ist dieses Gebiet auch als lettische Schweiz bekannt.
Der Begriff ist etwas übertrieben, denn Gletscher oder kahle Gipfel
jenseits der Baumgrenze sucht man hier vergebens (aber die gibts in
der "Holsteinischen Schweiz" ja auch nicht). Streng genommen gibt es
hier auch gar keine Berge im eigentlichen Sinn, sondern nur das Tal
welches der Fluss Gauja in Jahrtausenden durch den weichen Sandstein
gespült hat. Und wenn man runter zum Fluss geht und nach oben schaut,
dann bekommt man wirklich das Gefühl, das es hier so etwas wie Berge
gibt.

Gauja
Fluss Gauja

Neben Fluss und diesen quasibergen gibt es außerdem eine Menge
Wald. Wie es sich für einen ordentlichen Nationalpark gehört. Meistens
Fichten und Birken, vereinzelt auch ein paar Laubbäume. Auch soll es
hier Bären und Luchse geben. Die habe ich in freier Wildbahn aber nicht
vor die Linse bekommen, dafür aber etwas Rotwild. Man gibt sich ja
schon mit wenig zufrieden. Und der Wald hat was Schönheit angeht
mindestens neuseeländisches Format, auch wenn die Farne hier
wesentlich kleiner sind.

Rotwild im Gauja Nationalpark
Rotwild im Gauja Nationalpark

Aber nicht alles was hinkt ist ein Vergleich. Auf schweizerischem Niveau
sind die Preise für eine Unterkunft. Es gibt einfach keine billigen Absteigen.
Am preiswertesten bin ich in Sigulda mit dem gleichnamigen Hotel "Hotel
Sigulda" bedient. Zwar zahle ich mehr für eine Nacht als die letzten drei
Übernachtungen zusammen in Riga. Wie sagt der Schwede Emilio
noch vorgestern so schön: "Beim Urlaub soll man nicht sparen, sondern
Geld spendieren". Es lohnt sich aber: Die teuer erkaufte Privatsphäre auf
großzügigem Raum nutze ich zur Körperpflege und zum
Wäschewaschen. Ebenso gibt es hier die einzige Seilbahn Lettlands welche
einmal über das Flusstal gespannt ist. In Summe hinkt der Vergleich mit der
Schweiz also doch nicht so stark.

Zentrales Element von Sigulda, der Startpunkt des Nationalparks, sind die
Burgen. Im Umkreis von nicht einmal zwei Kilometern stehen fünf
Burganlagen herum, von nicht mehr vorhanden und geschliffen über
Ruine bis hin zu komplett restauriert reicht das Spektrum der Bauzustände
der Burgen. Vielleicht läuft hier deshalb auch eine Gruppe chinesischer
Touristen herum. Die mögen Burgen ja besonders gerne sehen wenn sie auf
Europatrip sind. Sigulda ist so eine prima und preiswerte Alternative zu den
deutschen Burgen an Mosel und Rhein.

Ordensritterburgruine in Sigulda
Ordensritterburgruine in Sigulda

Bevor ich den Park in Richtung Kurland und Ostsee verlasse tauche
ich noch tiefer in ihn ein. In den wenigen Ortschaften, in denen nur
noch eine handvoll Leute wohnen, scheint die Zeit stehen geblieben
zu sein. So als ob die letzte technische Innovation die Erfindung
des Ottomotors oder der Anschluss an das Stromnetz war. Man nimmt
es gelassen schulterzuckend zur Kenntnis und lebt weiter wie hundert
Jahre zuvor, wie immer schon. Ein iPod wirkt in dieser Umgebung fremd,
fast außerirdisch.

Die zumeist alten Menschen die hier wohnen verdienen sich ein Zubrot
zur kargen Rente indem sie selbst angebautes und selbst gesammeltes
(Beeren und Pilze) in Riga auf dem Zentralmarkt verkaufen. Manchmal sieht
man dort auch alte Menschen stehen welche stundenlang darauf warten,
das man ihnen eine Plastiktüte abkauft. Was andere anscheinend
aus Mitleid auch machen.


Reisen in Lettland

Das Zugnetz ist nur sehr rudimentär ausgebaut und zentralistisch auf
Riga zugeschnitten. Das Personal am Rigaer Haupbahnhof ist dafür berühmt,
extrem unfreundlich zu sein. Auf der Suche nach dem Abfahrtsgleis, welches nicht auf den einschlägigen Fahrplänen ausgewiesen ist, werde ich drei Mal von einer Information zur anderen und dann vier Mal zwischen den Kassenhäuschen hin und hergeschickt. Beim vierten Kassenhäuschen wird die Zeit für mich so knapp das ich mich nicht mehr anstelle (und keiner der Wartenden in der Schlange murrt dabei auf). Und diesen Platz verlasse ich erst, als man mir die gewünschte Auskunft erteilt. Tipp für Zugreisende in Lettland: Einfach Passanten (am besten die jüngere, die können alle Englisch) ansprechen, sie helfen gerne und unkompliziert weiter. Ansonsten zahlt sich eine gewisse Hartnäckigkeit aus.

Ein anderes Mal weigert man sich, mir ein Bahnticket von
Riga nach Liepaja zu verkaufen. Vielleicht habe ich auch nur an der falschen
Stelle genickt oder mit dem Kopf geschüttelt? "No Train to Liepaja, we have no"
Die Dame im Kassenhäuschen 5 cm weiter rechts ist ebenso ungewillt.
Mehr Glück habe ich einen weiteren Schalter weiter. Auf die Frage "Vieta?" nicke
ich entschieden mit dem Kopf und bekomme das gewünschte Ticket. Und merke das
Vieta eine Platzreservierung ist. Die benötigt man beim Check-In in die
Züge, ohne setzt man keinen Fuss ins innere. Während der Fahrt werden
Filme gezeigt. Gleichzeitig im Originalton, auf russisch und mit lettischem
Untertitel. Da ist für jeden was dabei. Apropos Kino: Den Film "Thank you
for smoking" habe ich neulich Abend in Riga gesehen, lohnenswert, war sehr
lustig.

Einfacher herum kommt man mit dem Bus. Die fahren häufiger und steuern
auch die kleinen Ecken des Landes an. Dabei sind sie in der Regel sogar
schneller als die Züge, welche immer an jeder Gießkanne halten. Auch wenn
die Busse proppenvoll sind und man für eine Stunde oder länger in einem
VW Bus grossen Gefährt (oft sind die 20 Sitzplätze einfach besetzt) bleiben
die Letten gewohnt gelassen und freundlich. Ein sehr angenehme entspanntes
Volk!

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Busfahrt Liepaja - Riga: Die Letten sind verrueckt nach Schnittblumen, ohne
eine Blume in der Hand wird das Haus gar nicht erst verlassen. Im Busfenster angebracht bringen sie ausserdem Glueck.



Kurland & Liepaja

Der Zug nach Liepaja fährt mitten durch die Region Kurzeme. Auf Deutsch
hat man früher Kurland zu dieser Ecke gesagt. Spontan erinnert es mich
an Schleswig Holstein, nur ohne Windräder und mit Bäumen und Wald.
Letzteres ist in Schleswig Holstein ja eher spärlich vorhanden, der Slogan
"Land der Horizonte" daher aber passend da man ungehindert den Blick
von Ost- zur Nordsee schwenken lassen kann. Hier in Kurland geht das
nicht, da sind einfach zu viele Wälder dazwischen.

Was außerdem auffällt: Überall gibt es Storchennester. Leider zur Zeit
unbesetzt. Stoerche sind hier nichts besonderes. Was passiert wohl,
wenn in Deutschland mal wieder ein Storch gesichtet wird? Erst einmal
wird er einen Namen übergestülpt bekommen Nennen wir ihn den Storch
einfach mal Tiffy. Vielleicht ist Tiffy so unvorsichtig, in der Nähe von Rügen
gesichtet zu werden. Fix hätten wir dann den Probemstorch Tiffy, denn er könnte ja die heimische Vogelwelt mit Geflügel-BSE verseuchen. Schließlich würde Tiffy
abgeknallt. Tiffy sollte also besser hierher nach Lettland kommen, hier ist
genügend viel Platz vorhanden.


Zum Ende des zweiten Weltkriegs habe sich die Letten die ausgedehnten
Wälder der Region genutzt und noch lange gegen die Rote Armee gekämpft. Während
in Berlin schon längst die Kapitulationspapiere unterzeichnet waren gab man hier immer noch nicht auf. Lange konnte man sich der russischen Übermacht und Besatzung
auch nicht entgegenstellen, auch wenn man es versucht hat.

In der alten Hafenstadt Liepaja haben sich die Russen dann erst einmal
ein drittel der Stadt unter den Nagel gerissen. Der Stadtteil Karosta wurde
zu einem Kriegshafen ausgebaut und fast 50 Jahre lang durften nur Angehörige
der Armee diesen abgeschotteten Teil der Stadt betreten. Schon zu Zeiten
des Zars wurde der Hafen zu einem bedeutenden Marinehafen ausgebaut.

Karosta: Ueberbleibsel des zaristischen Militaerhafens
Karosta: Ueberbleibsel des zaristischen Militaerhafens

Wohnsilo (benutzt) in Karosta
Karosta: Wohnsilo (benutzt)

Heute darf jeder hinein. Man findet verlassene Militäranlagen, sowjetische
Mietskasernen, manchmal bewohnt, meistens jedoch leer. Dazwischen eine opulente orthodoxe Kirche mit vergoldeten Türmen. Trostlos und spannend
zugleich. In diesem bewohnten Freilichtmuseum lohnt es sich, über Mauern
zu klettern und auf Entdeckungsreise zu gehen. Lettische Künstler zieht es
hierher, denn Artelies gibts für umsonst - man nimmt sich einfach, was man braucht - und die Atmosphäre hier ist sehr inspirierend.

Touristen können ein ehemaliges Gefängnis für Armeeangehörige besichtigen. Dagegen wirken die Bilder aus Guantanamo wie ein vier Sterne Unterkunft. Im Gegensatz zu Alcatraz ist hier noch niemand geflüchtet. Besonderer Gag
für Besucher: Eine Nacht im Gefängnis verbringen und sich dabei authentisch
zur Sau machen lassen. Mit allen Schikanen, inklusive Schlafentzug. Auch
Rollenspiele ohne Übernachtung sind buchbar.

Ich ziehe das Hotel Fontane vor. Ein Geheimtipp für alle, die mal hierher kommen wollen. Gleich nebenan ein Laden, der zünftige Rockmusik spielt. Die Räume sind thematisch individuell eingerichtet. Ich nächtige im Elvis Presley Zimmer, seine Schmalztolle wacht von den vielen Bildern während ich mich in den goldenen Laken wälze. Auch das Frühstück in diesem Laden ist vom feinsten.

Hotel Fontane in Liepaja: Elvis Presley Zimmer
Hotel Fontane in Liepaja: Elvis Presley Zimmer

Ventspils

Mein Weg führt mich die Küste von Liepaja nach Ventspils hoch. Nimmt man die Küsten
von Litauen im Süden und Estland im Norden hinzu so bieten sich in Summe fast 600 KM durchgängier Sandstrand. Wo sonst in Europa bekommt man das geboten?

Mit 40.000 Einwohner zählt Ventspils immer noch locker zur Top Ten der größten
lettischen Städte. Es ist aber bemerkenswert weniger erschlossen als andere Orte. Eigentlich wollte ich von hier aus mit einem Mietwagen das einsame Kurland erkundigen. Leider kann man anscheinend nur in Riga am Flughafen Autos mieten, sonst nirgendwo im Land. Auch mit Bussen kommt man nur in die nächsten Städten und nicht individuell zu den abgelegenen Dörfern. Auch ist die Touristeninformation ist selten schlecht und wenig hilfsbereit ausgerüstet. Eigentlich wollte ich hier länger bleiben und dann mit einer Fähre nach Saarema, der größten estnischen Insel vor dem Golf von Riga, ruebermachen. Doch die Fähre hat ihren Fährbetrieb bereits gestern eingestellt und verkehrt offensichtlich nur im Sommer.

Schade. Also bleibe ich nur kurz hier und werde morgen über Riga und Eurobus nach Estland einreisen. Als Uebernachungsmoeglichkeit ist das Olympiazentrum ein Geheimtipp. Jedes Zimmer, egal ob mit 1-4 Betten ausgerüstet, ist für spottbillige 18 Euro zu haben. Nebenbei kann man ein paar lettische Spitzensportler Abends bei einem Bier kennenlernen während im Fernsehen das Regionalligaspiel Pauli gegen Union Berlin und die Qualifikationsspiele von Lettland und Deutschland im Fernsehen live gezeigt werden. Ich nutze diese Gelegenheit und
lerne so nebenbei die lettische Meisterin im Rhoenradfahren kennen.

Kontakte anderer Art knüpfe ich heute bei einer Hafentour. Hinter mir auf dem Ausflugsdampfer sitzen Werner und Rainer, zwei jung gebliebene mitsechziger aus dem Ruhrgebiet, die sich in breitem Ruhrpottslang unterhalten und so ihre Herkunft nicht verleugnen. Später treffe ich sie in dem einzigen Restaurant des Ortes
und wir trinken ein paar Bier zusammen. Auch wenn Liepaja und Ventspils nur
150 km Luftlinie auseinander liegen so trennt sie musikalisch doch Welten: Hier in Ventspils gibts nur Bohlen inspirierten Russenpop und ABBA zu hoeren ("No Face, no name, no number" - zuletzt habe ich diesen Mordern Talking Hit am Baikalsee gehoert)

Etwas deprimierend ist der Besuch des lokalen Scandlines Büros. Ventspils wird direkt von einer Fähre von Rostock aus angefahren (ein Weg den auch Rainer und Werner hierher genommen haben). Auch hier ist unsere COAST Software seit kurzem im Einsatz. Die Bedienerin klagt aber über das Manko, nicht jederzeit eine Ladeliste erzeugen zu können. Die Arme hat zwei Rechner an ihrem Arbeitsplatz um die durch geschlichen Vorgaben geforderten Dokumente vor einer Abfahrt von Hand per Excel zu erzeugen (im Hafen in Klaipeda auf litauischer Seite hat man dieses Problem nicht). Noch vor einer Woche habe ich an einer Problemloesung hierfür gearbeitet, leider muss sie sich noch etwas gedulden, bis eine neue COAST-Version ihren langen Weg von Hamburg hierher findet. Wenigstens kann ich ihr zeigen, wie sie mit dem Porthandling-Dialog eine Partie Tetris spielen (CTRL+ALT-T,E,T,R,I,S) und ihre Wartezeit damit verkürzen und kurzweiliger gestalten kann. Außerhalb der Hauptsaison gibt es hier nicht viel zu tun.


Morgen gehts über Riga nach Parnue (Estland) und dann endlich auf die Insel Saarema.

1.9.06

Baltikum 2.5: Bilder von Zwischendurch

Waehrend ich noch an den Berichten feile hier ein paar Highlights der Photos die ich bisher aufgenommen habe. Fuer die, welche nicht auf meine FLICKR Photos zugreifen.

Sigulda: Burg Bischoffs von Riga
Sigulda: Burg des Bischoffs von Riga


Sigulda: Grafitti
Eigentuemliche Grammatik, klare Aussage: Russen sind in Lettland immer noch sehr verhasst


Burgfraeulein
Don't mess with the burgfraeulein


Hotel Fontane in Liepaja: Elvis Presley Zimmer
Hotel Fontane in Liepaja: Mir wurde das Elvis Presley Zimmer zugeteilt


Huegelgrab
Liepaja/Karosta: Bronzezeitliches Betonhuegelgrab der Liven, ein Stamm der damals diese Gegend besiedelt hat. Grabraeuber haben drinnen leere Wodka und Bierflaschen zurueckgelassen und in die Ecken gepinkelt.


Stadion Liepaja
Das Daugava Stadion zu Liepaja. Legendaer: Die Stimmung und die Naehe zur Ostsee (keine 50m von den Duenen entfernt!)

30.8.06

Baltikum 2: Neues aus Riga

Bernstein
Bernstein wird auf Rigas Strassen in derart grossen Mengen verkauft das ich mir nicht mehr vorstellen kann, das es am Strand gesammelt wird. Meine Theorie: Es gibt einen gut versteckten (vielleicht unterirdischen?) Bernsteinsteinbruch. Oder: Die Ketten speisen sich aus dem Bernsteinzimmer, welches nach dem Krieg von der vorrueckenden roten Armee zu einem grossen Bernsteinklumpen eingeschmolzen wurde, danach hat man diesen Klumpen einfach vergessen. So koennte es doch gewesen sein!

Riga Zoo

Der Zoo praktiziert einige sehr unkonventionelle Methoden um zusaetzlich an Kohle
zu kommen. Der Eintritt ist mit 50 Cent vergleichsweise niedrig, doch an dieser
Schraube wird nicht gedreht. Handysuechtige Teens, die fuer jeden Scheissklingelton
oder Bildchen ihr Taschengeld raushauen - und daran ist auch in Lettland kein Mangel -
koennen sich grob schwarzweiss gerasterte Elefanten Bildchen mit Spruechen wie
"Lettland Zoo: Ich war dabei" oder "Meet Crazy Frog at Riga Zoo" herunterladen.
Richtig viel Umsatz bringt das aber auch nicht. Der Clou ist daher das Sponsoring:
Whiskas sponsort den Tiger, das Krokodil hat sich Lacoste unter den Nagel als
Topsonsor unter den Nagel gerissen. Das ist product placement at its best. Besser
geht es nicht.


Fussball in Lettland

Skonto Riga: Fan
Skonto Riga: Fan

Gestern Abend habe ich dem Spitzenspiel Skonto Riga gegen FK Jurmala beiwohnen duerfen. Skonto ist der Rekordmeister der diese Liga mehr oder minder unangefochten dominiert. Von 15 moeglichen Meisterschaften seit 1991 haben sie 16 geholt und eine am gruenen Tisch wegen Transferverstoessen verloren. Das man trotzdem auf europaeischer Ebene von ihnen nichts gesehen hat, liegt daran, das sie sowohl 2000 (gegen den luxemburgischen Renomierverein Jeunesse Esch) als auch 2004 (gegen Trabzsonspor) bereits in der Vorrunde der Qualifikation zur Champions League ausgeschieden sind. Jurmala ist ein Badeort aus der naeheren Umgebung. Vom Kraefteverhaeltnis her muss man sich also vorstellen, dass der HSV gegen SUS Groemitz oder DJK Westerland spielen wuerde.

Nur etwa 500 Zuschauer verirren sich in das 8500 Zuschauer fassende Stadion mit integrierter Eislaufhalle. Skonto wird seiner Favoritenrolle gerechnet und fuehrt bereits in der 15. Minuten mit 2:0. Das die Partie doch nicht zu einem Schuetzenfest mutiert liegt an einem Platzverweis. Jurmalas Trainer reagiert mit einer Umstellung und bringt seinen brasilianischen Edeljoker Antonio Fereirra. Nur zu zehnt aber mit brasilianischer Power kann Jurmala die erhoffte Trendwende erzwingen: Fereirra trifft in der 25 Minute zum 2:1 Anschlusstreffer und Skonto zittert sich in die Pause. Der zweite Durchgang ist ein spannender Schlagabtausch: Skonto
will vorzeitig die Entscheidung, Jurmala zu 10. und vor allem ihr Schlussmann stemmen sich mit Mann und Maus dagegegn - und ist mit Kontern immer wieder gefaehrlich. Bis fuenf Minuten vor Schluss halten sie tapfer durch, dann entscheidet Skonto die Partie 3:1 fuer sich. Insgesamt ist das Niveau der Partie mit dem eines durchschnittlichen Regionalligaspiels in Deutschland vergleichbar. Mehr vom und um das Spiel vielleicht demnaechst an ganz anderer Stelle.

Im Stadion findet am Samstag uebrigens das Qualifikationsspiel fuer die naechste EM statt. Lettland spielt gegen Schweden. Bei diesem Anlass wird das Stadion ausverkauft sein, so versicherte man mir, der Vorverkauf beginnt heute. Schade, dass ich nicht dabei sein kann. Viel Glueck Lettland - mit Schweden, Daenemark und Spanien in einer Gruppe wirst du es brauchen!


Nazipack im Baltikum

Negativer Hoehepunkt des Spiels sind die Skins der Skonto Ultras. Ekelhaftes kahlgeschorenes Nazipack. Nur 4-5 von ihnen sind im Stadion, rythmisch rufen sie
Anfeuerung zur Melodie von "Let me be your drill instructor", inhaltlich kann ich aber
nicht verstehen, was sie genau skandieren. Ist vielleicht auch ganz gut so.
Nach dem Spiel verbruedern sie sich mit gleichgesinnten Englaendern die gerade
in der Stadt sind. Man erkennt sich gegenseitig am Dresscode: Londsdale Klamotten,
Fred Perry Logo und den weissen Schnuersenkeln in den Springerstiefeln.

Puenktlich zu Fuehrers Geburtstag sollte man als Auslaender Abends am besten
gar nicht ausgehen. Diese No-Go Warnung gibt der "Lonely Planet" nicht umsonst
in seiner Osteuropa Ausgabe. Neben Auslaendern eignen sich auch Homosexuelle
prima als Zielscheibe fuer diese Kameraden. Die Zeitung "Riga News" berichtete von
unangemeldeten Gegendemos anlaesslich der diesjaehrigen "Gay Pride Parade".
Unter der Unterschrift "Rigas Shame" ist ein von Polizei eingekesselter Glatzenmob
zu sehen. Uniform tragen sie weisse T-Shirts mit einem Piktogramm zweier korpulierender
Maenner a tergo umrandet von einem international bekannten Verbotszeichen
(durchgestrichener roter Kreis). Die ganze Aktion ist Generalstabsmaessig vorbereitet und
geplant: Die Polizei konfisziert schon im Vorfeld abgefuellte Plastikbeutel randvoll gefuellt
mit Kotze und Scheisse. Daher kommen nur wenige davon als Wurfgeschosse waehrend
der Demo zum Einsatz. Die Zeitung mutmasst, das das gute Sommerwetter den Kameraden das Gehirn verbrannt hat, anders laesst sich das wohl auch nicht erklaeren. Aehnliche Krawalle gab es diesen Sommer auch weiter noerdlich in Talinn.


Architektur und historisches in Riga

Riga: Blick von St.Petri Kirche
Riga: Blick von St.Petri Kirche

Zwei Tage sind nicht zu knapp kalkuliert wenn man sich Rigas
architektonischen Schoenheiten in aller Ruhe anschauen will.
Von Bombern im zweiten Weltkrieg weitgehend verschont
gibt es nirgendswo auf der Welt so viele Jugendstilbauten in
einer Stadt wie hier. Aus diesem Grund steht Riga zu Recht
in der UNESCO Liste des zu schuetzenden Weltkulturerbes.

Nur sehr langsam verliert Riga seine Unschuld. Vereinzelt wird historische
Bausubstanz abgerissen um fuer Multiplexkinos und Shopping-Malls Platz
zu schaffen. In der Altstadt wird gerade einer dieser Glas/Stahlkaefige gebaut,
so Dinger vom Kaliber einer Hamburger Welle, dem Bogen am Berliner Tor
oder dem Glasparalellogramm der seit neustem auf Hoehe der extra neu
geschaffenen HVV Faehrhaltestelle "Docklands" die Skyline Hamburgs
verhunzt.

Sehenswert ist uebrigens das Freilichtmusuem mit seinen alten
Bauernhoefen. Schon seit den 70er Jahren werden Gebaeude landesweit
dafuer gesammelt und so der Nachwelt erhalten. Der Park ist etwas
ausserhalb von Riga an einem See gelegen (und auf der Fahrt dorthin bekommt man
ersten Eindruck des laendlich verlassenen Lettlands). Malerisch sind die
Gebaeude und Hofensembles in einem Fichten und Birkenwald aufgestellt,
die Landschaft gleicht so einer Mischung aus Luenebruger Heide und Senne.

Herrlich!

Bushaltestelle vor RigaLaendliches Lettland abseits der Grossstadt


Kein "Spiegel" in Riga

Leider habe ich in Riga keine Verkaufsstelle fuer den Spiegel finden koennen.
Das einzig deutschspachige was man in Buchlaeden kaufen kann sind
Sprachkurse fuer Schulen. Etwas uninspiriert heissen diese meist droege
"Kursbuch Deutsch" oder "Ich lerne Deutsch". Da koennte man sich mal
ein Beispiel an den Englischkursen. Die haben meist motivierende Titel wie
"Let's talk". Vielleicht waere "Deutsch gut!" ein passender Name fuer einen
Deutschkurs?

Schoen und mitten aus dem Leben gegriffen sind daher die Uebungsaufgeben
des Lehrbuchs "Delphin" (mal Ernsthaft - wer vermutet hinter diesem Titel
einen deutschen Sprachkurs?). In einer besonders kniffeligen Aufgabe gehts
um Textverstaendnis. Abgedruckt ist der Text einer Einladung zu einer Party
die im Gasthof Waldesruh stattfinden soll. Nebst einer Karte auf welcher
dieser eingezeichnet. Gutes Textverstaendnis hat, wer die Frage "Aus welcher
Richtung kommen Rita und Joerg?" beantworten kann, zur Auswahl stehen
"a) Hannover, b) Bielefeld, c) Detmold, d) Paderborn". Die Antwort bleibe
ich an dieser Stelle schuldig, vielleicht will ja einer der Leser mitraten -
Loesungsvorschlaege einfach per mail an mich.


Kulinarisches

Ein Highlight der russischen Kueche sind Pelmeni. Aehnlich wie Ravioli
(aber ohne Tomatensauce), Teigmantel der Mett umhuellt. Die besten in
Riga gibts bei "Pelmini King" in der Kalkas Liepa, der seinen Namen
zu Recht traegt.

Die lettische Kueche ist eine sehr deftige. Und billig obendrein. Selbst
wenn man 2-3 Mal am Tag warm isst muss man dafuer nicht mehr als
5 Euro ausgeben.


Dainas

Daina heisst Lied. Zur nationalen Identitaetsstiftung sind sie Ende
des 19 Jahrhunderts gesammelt und schriftlich fixiert worden. Der
mehrheitlich von Frauen getexte Liedschatz wurde bis dahin
muendlich ueberliefert. Nicht unaehnlich den Gebruedern Grimm
sammelte sie der Schriftsteller Janis Cimze und reiste dabei
kreuz und quer durchs Land.

Damit ein Lied als Daina durchgeht muss es harten technischen
Anforderungen genuegen: Dainas sind in der Mehrzahl zweifuessig-trochaeische,
seltener vierfuessig-daktylische Vierzeiler, die epigrammarig das Leben des
Volkes mit Hochzeit, Liebe und Tod, Jahresfesten, Natur oder Arbeit besingen.

Praktisches Beispiel:

Eine Maus, faehrt ins Haus
Eine Fuhre Schlaf
Fahre, Maus, in mein Haus
Viele Kinder brauchen Dich

oder:

Ach wie schoen ist doch das Leben
Hier am Rand des grossen Waldes
Mit fuenf Hirschen kann ich pfluegen
Mit sechs Rehen kann ich eggen

Ob bei der Dichtung Drogen eine zentrale
Rolle spielten ist nicht ueberliefert. Dainas
wirken bisweilen inhaltlich etwas - mmhh,
ich sag mal expressionistisch - so das sich
dieser Verdacht nicht ganz von der Hand weisen
laesst.


Die Rose von Turaida

Grabstein: Rose von Tureida

Inzwischen bin ich in Sigulda angekommen. Details dazu spaeter,
zum Schluss noch eine schoene Geschichte. Der Ort hier ist
Schauplatz einer legendaer verklaerten Geschichte
um ein Maedchen mit Namen Maija. Als landesweit beruehmte
Schoenheit wuchs sie in der Bischhoffsburg von Turaida auf. So
ziemlich alle Maenner, meist aus hoeherem Stand, machten ihr
den Hof. Erfolglos, denn sie war in den Gaertner des Schlosses
von Sigulda, gleich auf der anderen Seite ihrer Burg und nur durch
einen Fluss getrennt, verliebt.

Mit ihm musste sie sich heimlich in einer gut versteckten Hoehle
treffen. Dort wurde sie von einem besonders hartnaeckigen
Verehrer, einem polnischen Offizier, ueberrascht. Damit er sie in Ruhe
liesse versprach sie ihm ihr Halstuch. Diese habe magische Kraefte
und beschuetze den der es traegt. Der Offizier wollte nicht die Katze
im Sack kaufen und Maija ermutigte ihn, es mit seinem Schwert zu
pruefen. Ob sie nur bluffte oder in dem Moment selbst daran glaubte ist
nicht ueberliefert. Nach der Probe war sie einen Kopf kuerzer und der
Offizier floh in Panik. Noch heute gedenkt man ihr und legt verwelkte
Blumen an ihrem Grab ab.

28.8.06

Baltikum 1: Riga

Svejk, Freunde!

Das war lettisch und heisst: Hallo! Meine ersten Brocken lettisch lerne
ich als ich vor dem dem Flughafen auf den Bus in die Stadt warte. Nur die notwendigen Wendungen die man im taeglichen Leben brauchen kann: "Hallo", "Guten Morgen/Tag/Abend", "Danke", "Bitte", aber auch komplizierte Saetze wie "Wo issen hier der Bahnhof" bis zu "Die Zaehne nicht ziehen, sondern nur plombieren, bitte". "Es uzhas kah brudjaknens" heisst woertlich uebersetzt "Ich fuehle mich wie ein Kopfsteinpflasterstein", das sagt man, wenn man am Abend zuvor zuviel getrunken hat und einen fetten Kater mit sich rumschleppt. Trotz der billigen Bierpreise hier brauche ich den Satz eh nicht, da ich ja geschworen habe, meinen Bierkonsum stark zu beschraenken. Und ob ich das Gelernte auch in der Aussprache korrekt umsetzen kann werden die naechsten Tage zeigen.

Das Wetter entspricht 1:1 dem in Hamburg beim Abflug. Es regnet ohne Ende.
Erst kuerzlich hat mir ein in Bremen lebender Kollege seine Theorie erlaeutert nach der man das Wetter aus Bremen exakt einen Tag spaeter in Hamburg hat. Wenn das stimmt und sich logisch weiter nach Osten fortsetzt, dann gibt es also in Riga heute das Donnerstagswetter von Bremen. Es stimmt: Gegen Spaetabend, just nachdem ich den Flughafen verlasse, brechen die Wolken langsam auf und vorbei ists mit dem Regen. Wer ein paar vier Tage alte Bremer Wetterberichte bei sich zu Hause rumliegen hat moechte sich doch bitte bei mir melden.

Roland in RigaRolandsstatue auf dem Rigaer Marktplatz. Entfernungsangaben relativ zu Riga (z.B. Riga-Muenchen, 600 km Luftlinie) werden mit der Schwertspitze der Figur als Bezugspunkt gemessen.

Ueberhaupt Bremen: Die Parallelen zwischen beiden ehemaligen Hansestaedten Riga und Bremen lassen sich nicht von der Hand weisen. Vor dem Rathaus steht die baltische Version einer Rolandsfigur Wache und vor der Kirche steht eine Bronzeskulptur der Bremer Stadtmusikanten. Gestiftet von der Stadt Bremen. Die Nase des Esels ist von den vielen Touristenhaenden blank poliert. Schoen das die Jungs es wie im Maerchen versprochen
bis hierher geschafft haben.

Nur zoegerlich greife ich bei den lokalen Biersorten zu. Da muss man sich ja erst einmal
langsam einen Ueberblick verschaffen. "Keine Experimente" heisst also zunaechst die Devise und bei einer Flasche Becks und studiere die unuebersichtlich Getraenkekarte. In den Kneipen und Restaurants herrscht uebrigens Rauchverbot. Das bin ich ja noch aus Neuseeland geschult. Es wirkt hier aehnlich stoerend wie dort. Und da wir das in spaetestens zwei Jahrenauch in Deutschland haben werden kann man das ja schon mal als prima Training betrachten.

Ein wohlgepflegter Stadtstreicher kuemmert dieses Verbot ebenso wenig wie die anwesenden Bedienungen. Er setzt sich an meinen Tisch, und faengt an, auf Englisch zu erzaehlen. Seine Geschichte ist ebenso unverstaendlich (das ist seinem Alkoholpegel geschuldet) wie wirr. Trotzdem aber interesssant, also gebe ich ihm einfach ein Bier aus. In groben Zuegen erzaehlt er davon, wie er sich selber zu Sowjetzeiten Englisch beigebracht hat und gegen den Vietnamkrieg demonstriert hat. Oder so aehnlich. Humor hat er jedenfalls: Er schnippst seinen noch brennenden Zigarettenstummel ungeloescht in den Fuss von dem Gaspilz
der neben dem Tisch steht. Direkt neben den Gastank. Dabei lacht er und macht mit den Haenden pantomimisch eine Explosion, lacht, ruft laut "Bumm", und zeigt gestikulierend auf
den Gastank. Das versteht sogar der Duemmste, also auch ich.

Strasse in Riga

Das und andere Sachen erinnern mich doch stark an Russland. Auch dort drueckt man Zigaretten nicht aus sondern befoerdert sie glimmend einfach in den naechsten Papierkorb. Tatsaechlich habe ich nie gesehen, das jemand sich die Muehe macht, einen Zigarettenstummel auszudruecken bevor er ihn entsorgt. Weiterer Bestandteil des Russischen Erbes: Die Alarmanlagen der Autos wie zwitschern Kanarienvoegel. Und das jedesmal wenn man im 5 Meter Radius an den PKWs vorbeigeht oder die Alarmanlage zwecks Benutzung desselben ausgeschaltet wird. Warum sich derartige akkustische Alarmanlagen im
Westen bisher nicht durchgesetzt haben ist Segen und Wunder zugleich. Der ganze Parkplatz am Flughafen singt wie eine prall gefuellter Vogelkaefig im Vogelpark Warlsrode als sich die Leute aus dem Flughafen ueber den Parkplatz zur Bushaltestelle bewegen.

Russiches erbe erkennt man auch andersow im teaglichen leben. So bezahlt man nicht beim Busfahrer sondern setzt sich einfach in den Bus. Solange bis eine Podvornitsa vorbeikommt und kassiert. Ich muss den doppelten Preis, zwei Tickets, zahlen. Angeblich wegen meinem grossen Gepaeckstueck, dem schweren Rucksack. Ohne Diskussion zahle ich meine umgerechneten 30 cent Befoerderungsgebuehr.

Gestern Abend war ich uebrigens mit einem 35 jaehrigen schwedischen Busfahrer unterwegs und auf der Suche nach gutem Bier. Er kommt aus dem Heimatort von IKEA und hoert auf den urschwedischen Namen Emilio. Da er schon etwas laenger hier ist und im selben Hostel abgestiegen ist wie ich erzaehlt er ein paar Raeuberpistolen ueber die Ecke dort. Gestern kam ein Hostelgast auf die Idee, eine Frau die ihn auf der Strasse angesprochen hat, ueber Nacht mit auf sein Zimmer zu nehmen. Am naechsten Morgen bestaetigte auch die Polizei das das in diesem Teil der Stadt eine sehr dumme Idee ist. Viel Geld hat er aber durch seine von ihr gestohlenen Kreditkarten nicht verloren, es ist schwieriger, einen neuen Pass zu bekommen.

Euro Disney OstDer Euro Disney Ost, erst seit kurzem in Riga eroeffnet, lockt mit rasanten Fahrattraktionen

Warten an der PralinenuhrWarten auf das Rendezvous

Interessanter Punkt in der Stadt ist die Pralinenuhr. Die befindet sich an zentraler Stelle in der Innenstadt, praktischer Weise genau gegenüber dem McDonalds. Beides ist bei jungen Letten sehr beliebt (übrigens auch die Band "Tokio Hotel" hat ihr einige alterstypische Anhängerinnen). Neben der Zeitanzeige wird diese Uhr als Treffpunkt für Rendezvous verwendet. Es ist hier wohl üblich, sich nur um eine bestimmte Uhrzeit zu verabreden. Als Treffpunkt ist dann immer implizit diese Uhr gemeint. Es ist ein schönes Schauspiel, die dem Anlass angemessen aufgebrezelten Lettinen beim Warten zuzuschauen. Seltsam: Ausschließlich kommen immer die Männer bei diesen Treffen zu spät. Ich habe noch keinen Jungen aus seine Verabredung warten sehen. Auch Szenen in denen ein Riesentheater wegen der offensichtlichen Verspätung gemacht wird (und die Pralinenuhr zeigt ja unbestechlich die Referenzzeit an) bleiben aus.

WachabloesungSchoen Preussisch

Beim Wachwechsel am Freiheitsdenkmal wurde ich heute Zeuge folgenden Dialogs einer deutschen Reisegruppe:
SIE: "Schau mal, die machen das im PREUSSISCHEN Stechschritt!"
ER: "Ja, wie beim alten Fritz!"
SIE: "Schoen" (leicht lustvoll seufzend)
ER (irritiert): "Was?"
SIE : "Na, wie die so schoen maschieren. So schoen stramm ist das"
ER (immer noch irritiert): "Achso"

Fuer die Volkswirtschaftler unter euch ein Blick auf den Preisindex:
Big Mac: 0,80 Euro
Bier (0,5 Liter): 1,80 Euro
Zigaretten: 0,90 Euro
Bett in einem Schlafsaal: 9 Euro

Deutsche Begriffe aus dem alltaeglichen Leben: Alpenrose, Sturmkonzert

Konzerttechnisch geben sich hier zur Zeit die Herren Simply Red,
Elton John, Dio und Covenant die Klinke in die Hand.

So, jetzt geh ich erstmal schoen was Essen. Nachdem ich mir den ganzen
Tag ueber die Hacken und den Schritt wund gelaufen habe. Und heute Abend
gibts ein Fussballspiel, FC Skonto, der lettische Rekordmeister, gibt
sich die Ehre.

Naive Malerei

17.8.06

PENTAX

Hier ist ein interessanted Blog zum Thema Pentax - für den, der sich dafür interessiert.

11.8.06

Digitaler Videorekorder

Etwas im Fernsehen verpasst? Sendungen, die man sehen möchte aber zu Hause nicht empfangen kann? Vielleicht eine eigene Simpsons DVD basteln wollen? Oder einfach noch nicht zu Hause sein wenn die Wunschsendung gezeigt wird?

Einfach hier anmelden, Programme aufzeichnen lassen und nachher bequem runterladen und auf dem Computer schauen. Für umme! Funktioniert wirklich!

Beim runterladen braucht man nur etwas Geduld und eine gute DSL-Leitung, der Rest geht von alleine.

2.8.06

Du bist Deutschland

Endlich mal eine lustige Imagekampagne mit der man sich identifizieren kann.

28.7.06

Hamburg ist ne schöne Stadt

... voller Attraktionen

18.7.06

Videos

Weils so schön ist... ein paar lustige Filmchen aus dem Netz