23.9.06

Baltikum/Skandinavien 6: Verlaengerung ueber Skandinavien

Da meine Dienste bei der Arbeit zur Zeit nicht dringend benötigt
werden kann ich meinen Urlaub um zwei Wochen verlaengern.
Das ist eine feine Sache, noch in Tallinn habe ich mir daher
eine veraltete Ausgabe des Lonely Planet fuer Skandinavien
besorgt. Sehr billig, aber leider auch nciht sehr aktuell. Was
Schweden angeht geht der Fuehrer zum Beispiel noch davon aus,
das man auch dort bald mit dem Euro zahlen kann, wenn denn
demnaechst einmal ein Volksentscheid zu diesem Thema durchgefuehrt
wird. Waehre sehr schoen gewesen, wenn diese Prognose zugetroffen
haette.


Nachlese Baltikum
Estland ist das erste Land ausserhalb Deutschlands, das
anstaendig Brot machen kann. Schmeckt wie in Deutschland,
nicht nur so ein weisser Labberkram der einem sonst ueberall
vorgesetzt wird. Die Auswahl ist vielleicht nicht so ueppig, aber
immerhin. Beim Warten auf das Essen wird einem so leckeres
Grau oder Schwarbrot zusammen mit Butter serviert. Die
Hauptmahlzeit kann entsprechend kuerzer ausfallen.

Im direkten Vergleich fuehrt Estland vor Lettland, was meine
persoenlichen Pareferenzen angeht. MEstland ist einfach ruhiger, stilvoller, skandinavischer, Lettland im Gegenzug slawischer und preiswerter.

Abschliessend eine Liste der Orte die einen Besuch lohnen fuer diejenigen,
welche demnaechst einmal im Baltikum vorbeischauen moechte:

Tallinn - Schoenste Stadt im gesamten Baltikum, uneingeschraenkt empfehlenswert,
lediglich die Touristenhorden, derer man als Reisender unweigerlich ein Teil von ist,
koennen etwas abschrecken
Liepaja - Klassische Hafenstadt mit Strand, vor allem die Hinterlassenschaften
der roten Armee laden zum entdecken ein
Riga - Nicht ganz so sehenswert wie Tallinn, trotzdem eine Reise wert, eignet sich gut als Einstiegspunkt
fuer eine Reise in die Region
Lahemaa Nationalpark - Natur, Natur, Natur
Sigulda / Gauja Nationalpark - Wer Fluesse und Burgen mag ist mit
diesem Nationalpark vor den Toren Rigas gut bedient
Saareema - Schoene Ostseeinsel mit vielen Sehenswuerdigkeiten
und Wellnessmoeglichkeiten


Von Tallinn nach Finnland

Am letzten Tag in Tallinn gibt es noch einmal Fussball.
Auf das Spiel werde ich aufmerksam, weil sich tagsueber
viele Englaender im Trikot von Newcastle United unter
die ueblichen Touristenmassen gemischt haben. Von
diesen sind sie leicht zu unterscheiden, und ich bringe
den Grund ihres Kommens in Erfahrung: Levandia Tallinn
spielt heute im Uefa Cup gegen Newcastle. Instinktiv
verhalten sich die englischen Fans richtig: Schon seit
zwoelf Uhr morgends stroemen sie in die Irish Pubs
und beginnen, sich zu betrinken. Das Spiel findet erst
sechs Stunden spaeter statt. Vielleicht haben sie geahnt,
das im Stadion kein Bier ausgeschenkt werden darf?

Im Stadion treffe ich Johan aus Helsinki. Fussball ist auch
in Finnland, und dort vor allem der englische, beliebt. Einige
seiner Landsmaenner sind daher fuer das Spiel mit dem
Schiff ruebergekommen und mischen sich unter die Newcastle
Fans. Johan ist erst vor kurzem in Hamburg gewesen. Tickets
fuer die WM hat auch er leider keine bekommen, das Heiligengeistfeld
und auch St.Pauli kennt er jedoch sehr gut.

Das Spiel ist langweilig. Levandia kaempft, kann aber 90 Miunten lang
die Fuehrung fuer Newastle aus der 10. Minute nicht ausgleichen. Ein
1:0 Arbeitssieg fuer Newcastle ist am Ende an der Anzeigentafel
angeschlagen.

Freitag folge ich den Spuren Johans und setze nach Helsinki ueber. Das Schiff
der Faehrgesellschaft "Linda Lines" hoert auf den schoenen Frauennamen "Laura".
Das ist ein gutes Zeichen, denn auf Schiffen mit maennlichen Namen sollte man
nicht fahren. "Wilhelm Gustloff" und "Titanic" - jeder weiss, was dort passierte.

Die Dame bei der Passkontrolle amuesiert sich ueber den Namen meines
Geburtsorts. Ob ich wirklich aus Bielefeld - verkniffenes grinsen - kaeme.
Ich bestaetige, denn es stimmt ja und ist die einzig richtige Antwort auf
perfide Fangfragen wie diese. Die Passkontrollen von und nach Finnland wurden
fuer die Dauer der Ratspraesidentschaft kurzfristig wieder eingefuehrt, es gibt
aber keine Probleme fuer mich beim Grenzuebertritt.

Der Kapitaen der Laura ist ein alter Seebaer im marineblauen Strickpulli,
seinen Bart traegt er in bester Lech Walesa Manier und dazu eine
70er Jahre Pornosonnenbrille. Laura selbst ist ein Tragfluegelboot
und braucht nur eine Stunde fuer den Flug ueber die Bucht nach
Helsinki. Passend dazu waehlt der Zufallsgenerator meines iPod
das Lied "Rocket Queen" aus.

Waehrend der kurzen Ueberfahrt zeigen Fernseher aktuelle Musik
DVDs. Da der DVD Spieler aber nicht mit den Erschuetterungen
des Schiffs wenn es von Welle zu Welle huepft klarkommt werden die
Filme in stroboskopart mit vielen Pausen und Haengern angezeigt.


Helsinki

Finnland ist wie Estland ein Land, in welchem das Erdgeschoss das Stockwerk
mit der Nummer eins ist. Im Billighotel "Fenno" beziehe ich ein Zimmer im vierten
Stock (also im dritten nach deutscher Zaehlart) und kann trotzdem nur auf die
Betonwand des Nebengebaeudes schauen.

Ab und zu, und vor allem an Wochenenden, gönne ich mir den Luxus eines
Einzelzimmers. In den Schlafsälen der Hostels macht man nicht immer
positive Erfahrungen. Es ist billig und man lernt Leute kennen. Damit ist die
Liste der positiven Eigenschaften bereits komplett. Anonsten stinkt es Morgends,
wenn man von der Morgentoilette zurueck kommt, wie in einem Obdachlosenasyl.
Eine Mischung aus Schweiss, dreckigen Klamotten und Alkoholausduenstungen,
denn viele sind zum Feiern hier und fallen mitten in der Nacht unter grossem
Getoese sturzbesoffen ins Bett. Manchmal wird auch vorher das einzige winzige
Fenster des Raums verschlossen. Wird man durch lautes Furzgerauesch wach
so kann man an dessem Geruch leicht auf den Typ des Getraenk schliessen
(meistens Bier, Wein riecht nicht so dumpf). Ein anderes Mal hat man mehr Glueck
mit seinen zufaelligen Zimmergenossen, oder hat sogar die ganze Bude fuer sich
alleine. Ich habe einen recht robusten Schlaf, und fuer den Fall der Faelle habe
ich immer Ohropax dabei. Von Zeit zu Zeit sollte man sich aber auch mit den
Anehmlichkeiten einer Privatssphäre in Form eines Einzelzimmers segnen.

Das man in Skandinavien angekommen ist erkennt man leicht an an den
ersten H&M Filialen im Stadtbild. In der Anzahl leisten sie sich einen
Wettstreit mit schottischen Spezialitaetenrestaurants der Marke
McDonalds. Helsinki ist der Inbegriff von Understatement, bescheiden
protzt es nicht mit Sehenswuerdigkeiten oder grossartigen Gebaeuden.
Alles wirkt sehr sehr leicht, zurueckhaltend und locker. Entsprechend sind
die Finnen gestimmt, immer freundlich, leicht zurueckhaltend zu Beginn, aber
man kommt schnell mit ihnen ins Gespraech. Die Lebenseinstellung der Finnen
ist am ehesten mit denen der Laoten zu vergleichen.

In jeder Stadt findet sich schnell ein Lieblingsplatz, ein Ort an den
man sich wohl fuehlt und stundenlang die Zeit totschlagen kann. In
Helsinki ist dieser Platz schnell mit der Treppe vor dem Dom gefunden.
Die Treppe ist steil wie der Aufgang zu einer Aztekenpyramide und
fuehrt den einzig nennenswerten Huegel der Stadt, gekroent durch
den Dom, hinauf. Von hier habe ich bei bestem Wetter einen
Spitzenausblick ueber den Hafen und die Stadt.

Die Strassenschilder sind zweisprachig in Finnisch und Schwedisch
gehalten. Die Strassen enden also wie in einem Mankellkrimi meistens
auf -gatan. Ein erster Vorgeschmack auf Stockholm. Kaurismäki besitzt
in Helsinki ein Restaurant und eine Kneipe. Besonders die Stimmung
in der Kneipe ist vergleichbar schraeg wie die seiner Filme, also sehr
zu empfehlen.

Auch die Grundversorgung mit deutschen Presseerzeugnissen
ist gesichert. Taeglich ankommende Faehren habe den neuesten
Spiegel oder die Bildzeitung im Gepaeck. "WHO-Bericht enthuellt:
Deutschland sozialistischer als China" weiss die Bildzeitung zu
berichten. Wenn Mao das wuesste wuerde er sich bestimmt im
Grabe (resp. im Mausoleum) umdrehen. Ein gutes Zeichen, denn
dumme Schlagzeilen diese Art sind ein untrueglicher Indikator
dafuer, dass nichts schlimmes in der Welt passiert ist. Wenn der
Bildzeitung mal die Ideen ausgehen sollte: Wie waers mit der
vergleichbar daemlichen Schlagzeile "Meteorologen finden heraus:
Wenn es regnet wird die Erde nass", zu dem Thema koennte man
im Innenteil Topleute wie Joerg Kachelmann interviewen, eine
Telefonumfrage starten oder sogar eine Aufkleberaktion lostreten.
Die finnische Regenbogepresse berichtet zeitgleich von einer
Satanssexparty bei der Gruppe Loordi. Fuer weitere Details zu
diesem pikanten Thema reichen meine Finnischkenntnisse
leider nicht aus.

Im Zoo spricht mich ein Finne an und berichtet in gebrochenem
Deutsch, wie er 1990 Pauli gegen Hertha in Berlin und spaeter
in den 90ern ein Spiel von Pauli gegen Nuernberg im ehrwuerdigen
Millerntor gesehen hat. Beide Spiele sind ihm noch in guter Erinnerung.
Ausserdem kondoliert er zum Vergeigen der Partie gegen Bayern
Muenchen eine Woche zuvor (er hatte das Spiel im Fernsehen
vefolgt). Finnen haben anscheinend einen guten Riecher fuer
Spitzensport.

Abschliessend ist Helsinki so etwas wie ein finnischer Mikrokosmos.
Alles, was es sonst im Land zu sehen gibt, kann man sich hier in
der Stadt schon einmal probeweise anschauen. Am besten laesst sich
die Stadt mit einem Fahrrad erkunden. Der Verleiher gruesst mich
mit "Moin Moin", er hat selbst 12 Jahre in Hamburg gelebt.


Auf dem Weg nach Schweden

Moin Moin ist auch heute noch die gaengige Begruessung in Turku,
der alten Hansestadt und als aelteste Stadt des Landes lange Zeit
Hauptstadt Finnlands. Das Helsinki ihr diesen Rang geklaut hat und
das Turku selbst inzwischen nur noch die drittgroesste Stadt
Finnlands ist nagt stark am Selbstverstaendnis der Stadt.

Von Turku aus setze ich Abends mit der Faehre nach Stockholm
ueber. Turku ist ein toter und langweiliger Platz den man nicht gesehen haben
muss. Tagsueber schlage ich die Zeit in Ermangelung sehenswerter
Attraktionen die Zeit in Cafes und Kneipen tot. Das man hier direkt mit
dem Euro bezahlen kann ist eine feine Sache, sofort springt einem
dabei allerdings ins Auge, wie teuer es ist, hier zu leben - ein
Menue bei Subway kostet mit durchschnittlichen 10 Euro fast doppelt
so viel wie in Deutschland. Johan, den ich in Tallinn traf, hatte mich schon
vorgewarnt. Auch hier hat die neue Waehrung alles ueber Nacht
preislich verdoppelt, vervierfacht also relativ zu deutschem DM Niveau.

Im Gegensatz dazu sind Faehrtickets geradezu verschwenderisch
billig. 15 Euro bezahlt man fuer das billigste Ticket in einer Dreierkabine.
Unter der Woche an einem Montag hat es den Anschein, das nur
schwedische Rentner bereit sind, nach Stockholm ueberzusetzen.
Wie eine Bueffelherde zwaengen sich die Massen bereits eine Stunde
vor der Abfahrt auf das Schiff als sich das Tor zur Gangway öffnet.
Abgesehen vom Schiffspersonal bin ich mit Abstand der juengste
Mitreisende an Bord.

Ein dreiraediger voll motorisierter AOK Chopper parkt Abends direkt
neben der Tanzflaeche auf der die Rentner sich mit immer gleichen
Schritten und im gleichen Takt die nicht gleichbleibende Musik ignorierend
bewegen. Die Einkaufskoerbe der vollmotorisierten Gehhilfe sind
prall mit steuerfrei gekauftem Alkohol, Bier und hoeherprozentiges,
gefuellt. Ein so trostloses Bild, ich gehe daher einfach in meine
Koje und verzichte auf das Abendprogramm.

Auf dem Weg nach Schweden passieren wir mitten in der Nacht die
Insel Åland. Die gehoert zu Finnland, aber auch Schweden erhebt
Ansprueche auf das Eiland. Skandinavisch klug hat meinen keinen
Krieg vom Zaun gebrochen: Åland hat eine eigene Flagge, gibt
eigene Briefmarken heraus und ist offiziell ein autonomes Gebiet.
Eine kluge und weitsichtige Entscheidung, denn so koennen die
Skandinavier das tun was sie am liebsten machen: Steuerfrei
in Unmengen Alkhol bunkern. Der Fahrplan auf der Strecke
Helsinki - Stockholm ist speziell auf dieses Beduerfnis angepasst.

14.9.06

Baltikum 5: Tartu and Tallinn

Tartu

Tartu ist die zweitgroesste und aelteste Stadt des Landes. Ausserdem die Stadt
mit der ersten Universitaet des Landes, eine Tradition, welche auch heute noch
fortgesetzt wird. Ca. 20% der Leute dort sind Studenten, was das Nachtleben der
Stadt klar vorgibt. Alle 15 Minuten verbindet ein Bus Tartu mit der 200 km
entfernten Hauptstadt Tallinn. Die erste Stadt in Estlands in der ich bin, welche
keine eigene Kueste zur Ostsee hat.

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Strassenszene in Tartu

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Schiefes Haus in Tartu. Die Esten sind jedoch zu bescheiden, dieses Pfund touristisch auszubeuten wie es die Italiener mit ihrem schiefen Turm in Pisa machen

Ich miete mich billligst im Studentenheim ein. Zentral gelegen, und neben einer
eigenen Nasszelle (die ihren Namen auch wirklich verdient) gibt es sogar einen
Fernseher. Das stellt sich spaeter noch als Segen heraus, denn eingespeist wird
auch das Programm des ZDF. Damit kann ich wenigstens im Fernsehen das Spiel
Pauli gegen Bayern sehen, wenn ich schon nicht vor Ort anwesend bin. An dem Tag
habe ich nach dem Spiel jedenfalls keine grosse Lust mehr auf Party, aber ein
paar Bier sind immer drin.

Die Gebauede der Universitaet befinden sich auf einem Huegel ueber der Altstadt.
Den muss ich also auch hochkrabbeln, wenn ich zurueck zu meiner Unterkunft
moechte, bzw. herunterollen wenn ich in die Altstadt will. mit seinen geschaetzten
100 Meter Hoehe und den steilen Strassen erinnert er mich doch stark an den
Bandelberg zu Detmold. Fuer estnische Verhaeltnisse sind Huegel dieser
Groessenordnung als Alpin zu bezeichnen. Bei gutem Wetter kann man bestimmt
ueber das flache Land bis zur See und ueber das komplette Land schauen, verifizieren
kann ich diese These jedoch nicht, denn das Wetter ist ingesamt sehr schlecht
als ich hier bin.

Typisch Studentisch: Wie in Deutschland so sind auch hier die Studenten fuer die
Auswahl der Nationalfarben zustaendig. Nachdem man eine grosse
Nationalitaetsbesinnung und -bewegung losgetreten hatte (klar: Keimzelle war mal wieder die Uni, altes Revoluzzerpack) viel einem bald ein, das man eine Fahne oder
so etwas braeuchte. Man einigte sich auf die Farben Kornblumenblau, Schwarz und Weiss. Ein Erfolgsmodell das heute noch Bestand hat, jedenfalls mit 50 jaehriger Besetzungspause.

In Tartu selbst haenge ich meistens, wegen des schlechten Wetters, innerhalb von
Gebaueden rum. Das uebliche was man so sehen kann, Museen, alte KGB
Folterwerkstaetten, Kino. Und Abends in Kneipen. Schoen traditionell ist die
Kneipe mit dem Namen Studentische Tugend. Kochen gehoert ganz offensichtlich nicht
zu studentischen Tugenden, die Kueche ist mies. Das Bier und die Gesellschaft machen diesen Nachteil aber mehr als wett.

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Last Man Standing: Bei einem Dorffest schnallt sich jemand ein Holzbein um und die Jungen versuchen, ihn zu Fall zu bringen. Auch heute wird dieser Brauch noch gepflegt und es ist immer ein grosses Hallo wenn es gelingt, jemanden zu Fall zu bringen


Erstligafussball in Estland

Passend zum Fussball wird das Wetter wieder besser. Mit dem FC Levadia ist der
auch nach 20 Spielen noch ungeschlagene Spitzenreiter zu Gast. Waehrend der
Club aus der Hauptstadt die zehn Vereine umfassende Meistriiliga (hoechste
nationale Spielklasse) mit komfortablen 16 Punkten auf der Zielgerade der
Saison anfuehrt und schon einmal fuer die Champions League Qualifikation
planen darf steht Maag Tartu fest betoniert im grauen Mittelfeld der Tabelle
und muss sich dort weder Gedanken um den Klassenerhalt noch um die Meisterschaft machen.

Ausgehend von der Tabellensituation sind die Rollen also klar verteilt. Ich bin
eine Stunde zu frueh im Stadion, denn auf der Kicker Homepage waren die
Anstosszeiten in MESZ aufgefuehrt. In Ermangelung eines Stadions findet das
Spiel in einer Sportanlage statt in welcher sich vor und waehrend der Spiels
die Einheimischen beim sonntaeglichen Bolzen, Tennis, Basketball oder beim
Skaten ueber die asphaltierte 400m Laufbahn um das Spielfeld verlustieren.
So frueh bin ich neben zwei obligatorischen Rentnern und zwei jugendlichen
weiblichen Fans, welche einen Fanschal des Gastklubs sauber gefaltet
auf ihrem Schoss liegen haben, der einzige Zuschauer in der Sportanlage. Das eigentlich auch ein Eintrittsgeld in Hoehe von umgerechnet 2 Euro faellig ist
bemerke ich erst als eine halbe Stunde vor dem Spiel vereinzelt Zuschauer
eintrudeln. Fuer das nachgeloeste Ticket gibt es neben einem zweiseitigen Flyer,
der die Aufstellung und die Werbepartner der Mannschaften vorstellt, auch ein
Los mit welchem man am Ende der Saison einen Jeep gewinnen kann.

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Ueberschaubar wenige Zuschauer verirren sich ins Stadion

Eigentlich stehen die Chancen fuer einen Gewinn ganz gut, denn zu Beginn der Partie
haben sich nur geschaetzte 50 Zuschauer auf die maximal das vierfache fassende mit
groben Brettern belegte Stahlrohrtribuene an der Laengsseite des Spielfelds verirrt.
Vielleicht waeren mehr Zuschauer gekommen, wenn die Spielankuendigung nicht nur im
Stadion, sondern auch in der Stadt plakatiert worden waere? Sicherheitskontrollen am
Eingang gibt es keine, ausserdem gibt es Getraenke oder was zu Beissen nur, wenn man
es sich selbst mitgebracht hat.

In den ersten fuenf Minuten wird Tallinn seiner Favoritenrolle durchaus gerecht, doch
der Anfangselan verpufft schnell. Insgesamt ist das Niveau der Partie, verglichen mit
Deutschland, irgendwo zwischen Verbands- oder Oberliga angesiedelt. Unansehnlich
schieben sich beide Mannschaften den Ball im Mittelfeld zu, ohne jemals in Richtung
des gegnerischen Tors zu marschieren. Durch einen Kontertor in der achten Minute
geht Tallinn dann auch in Fuehrung, diese haelt bis fuenf Minuten vor Schluss als aus
heiterem Himmel der Ausgleichstreffer faellt. In der zweiten Halbzeit macht Tartu einfach dort weiter, womit es vor der Pause angefangen hat: mit dem Toreschiessen.

Bis zehn Minuten vor Schluss haben sie den Vorsprung auf ein sicheres 4:1 erhoeht. Mit den Gedanken schon in der Kabine koennen sie selbst ihr Glueck kaum fassen als Tallinn zur Schlussoffensive uebergeht. Einzig dem Aluminiumpfosten und Latte des Tors ist es zu verdanken, dass zum Schluss der Endstand von 4:2 fuer Tartu auf der manuellen Anzeigentafel angeschlagen ist. Die Zuschauer applaudieren artig und kurz und verlassen die Anlage. Wieso er heute seine erste Saisonniederlage nach 25 Spieltagen eingefahren hat kann der Trainer von Tallinn den zwei anwesenden Journalisten auch nicht schluessig erklaeren.


Tallinn

Neue Woche, neues Glueck. Morgends fahre ich mit dem Bus nach Tallinn. Die
Fahrt dauert zwar nur zwei Stunden, ist aber die Hoelle. Mein Sitz ist kaputt und
so muss ich krampfhaft aufrecht sitzen und kann mich nicht anlehnen. Alle
Plaetze im Bus sind belegt, und dieses Mal bestehen die anderen Fahrgaeste darauf,
die zugewiesenen Plaetze auch einzunehmen. Also sitze ich eingeklemmt und
verkrampft wie ein Affe auf dem Schleifstein und bin froh, als ich in allinn endlich
aus dem Bus plumpse. Luft! Platz! Und vor allem: Bei bestem Wetter mache ich
mich auf den Weg durch die Stadt und beziehe ein Zimmer in einem Hostel, zentral in
der Innenstadt gelegen.

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Tallinn Altstadt

Die Stadt ist atemberaubend und geizt nicht mit ihrem mittelalterlichen
hanseatischen Flair. Enge Gassen, alte Gemaeuer, tausend Kirchen,
Burgberge und Stadtmauern. Am Horizont sind die alten realsozialistischen
Wohnbunker und ein 70er Jahre Funkturm, garantiert zu 100 Prozent aus Beton,
zu erkennen. Der Blick fuehrt ueber den Golf von Helsinki, bis nach Finnlanf kann man
auch von hoher exponierter Stellung aus nicht schauen. Die im 30 Minuten takt
ablegenenden Faehren aller Bauformen und Groesse zeugen aber davon, das es
soweit nicht sein kann. Zur Zeit spielt man ersthaft mit dem Gedanken, aehnlich
dem Kanaltunnel zwischen England und Frankreich einen ca. 80 km langen
Autotunnel nach Helsinki zu bauen. Das ist aber noch weit entfernte Zukunftsmusik.

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Lettinnen sind durch die Bank sehr attraktiv und laufen ausschliesslich in landestypischer Tracht herum. Genau wie in Deutschland, da tragen wir ja auch alle Lederhosen und Dirndl, wenn man den Bildern von der Eroeffnungsfeier der Fussball WM glauben darf.


Vom Tourismusmarkting versteht Estland etwas. Ich habe bisher noch nie so viele
Touristen auf einen Haufen gesehen, und das mitten in der Woche und in der Nebensaison. Am Wochenende toppen die Menschenmassen bestimmt locker Grossveranstaltungen wie Papstbesuche in Deutschland aus dem Stand. Erst nachdem ich mir den Grundriss der Stadt von oben angeschaut habe vleruafe ich mich nicht mehr in diesem Labyrinth. Bei den vielen Attraktionen kann man hier muehelos viele Tage verbringen, langweilig wird es hier nicht so schnell.

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Wer ein geschmackvolles Badehandtuch sucht wird vielleicht auf dem Markt beim Tallinner Bahnhof fuendig


Um Tallinn herum

Ich habe mir eine spritzig orangenen Fiat Punto gemietet. Erst habe ich in
Markus Altekrueger Manier die Autoverleiher per Fuss direkt abgeklappert,
aber ohne Erfolg. Es gab keine billigen Autos, keine die ich morgends frueh
abholen und Abends spaet zureuckbringen konnte. Die hilfreiche
Touristeninformation konnte dann mit einem einfachen Telefongespraech
das Gewuenschte liefern. Fuer 50 Euro wird mir die Karre morgends um
sieben vor das Hostel gestellt, und dort kann ich das Auto einfach am Abend
stehen lassen. Wer demnaechst in Tallinn ein Auto mieten moechte soll
mich einfach ansprechen,

Es wird der bisher schoenste Tag meines Urlaubs. Der Nationalpark ist
50 km oestlich von Talinn. Weg von den Torusitenmassen und der Stadt.
Der Weg alleine ist schon fuer sich lohnenswert. Vorbei an bergehohen
Abraumhalden des Phosphatabbaus, riesigen verlassenen Zementwerken,
vermutlich ist die ganze Sowjetunuion von hier versorgt worden, dem einzigen
estnischen Atomkrafterk vom Typ Tschernobyl. Kilometerlange Fernwaermepipelines
die im Nichts muenden und leck sind. Immer wieder steige ich aus und erkunde die
Ruinen. Dabei muss man aufpassen, laut Reisefuehrer hat sich vor zwei Jahren
jemand an radiotaktiv verstrahleten Ueberesten den Tod geholt. Besonders gefaehrdete
Einrichtungen dieser art werden daher heute speziell bewacht und sind sinnvollerweis
nicht mehr oeffentlich zugaengig. Der Norden Estlands wurde zu Besatzungszeiten
industriell ueberproportional beansprucht.

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Moor im Nationalpark

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Estlands Antwort auf die Niagarafaelle

Dann ploetzlich der Nationalpark. Welch krasser Gegensatz: keine touristenhorden,
Einsamkeit und Stille, Zurueckgelassenes, weite Waelder, Gletschergesteinsbrocken,
Ostsee, risse im Eisernen Vorhang den es nicht mehr gibt, Straende, Fischer bei der
Arbeit, Wasserfaelle, Huegelgraeber, Moore. Die Eindruecke sind zu zahlreich um sie
alle aufzuzaehlen. Und das alles bei bestem Kaiserwetter. Fuer Tallinntouristen ist
eine tageweise Flucht aus der Stadt ein absolutes Highlight! So zentral wie Tallinn
gelegen ist kann man von hier auch bequem das ganze Land erkunden wenn man sich
ein Auto mietet. Je nachdem, was man so am Gaspedal kann.

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Loechriger Eiserner Vorhang> Nicht mehr benutzter Grenzposten an der Ostsee

12.9.06

Baltikum 4.5: Bilder von zwischendurch aus Tallin

Bin seit gestern in Tallin. Ausserdem habe ich heute die nachricht erhalten, dass ich laenger im Urlaub bleiben kann. Werde also am Freitag nach Helsinki weitereichen. Zwischendurch als Wasserstandsmeldung ein paar Bilder die ich in den letzten Tagen aufgenommen habe.

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Deutscher Soldatenfriedhof und russisches Kriegsdenkmal in Tallin

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Statue am Olympiastuetzpunkt Tallin

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Trabantenstadteil von Tallin

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Sowjetisches Glasmosaik im Fernsehturm Tallin. Kosmonauten, Kuenstler, Komsomolzen - alles dabei

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Altstadt von Tallin

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Where Tallin meets Frankfurt: Altstadt/Neustadt

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Beliebter Treffpunkt fuer frisch verliebte

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Endstand im estnischen erstliga spitzenspiel

Trainerfuchs der Talliner Spitzenmannschaft
Talliner Trainerfuchs kann sich die Niederlage auch nicht erklaeren

9.9.06

Baltikum 4: Estlands Küste und Inseln

Allgemeines

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Hüpfspiel auf der Strasse: Auf die EU Zugehörigkeit ist man sehr Stolz

Estland ist das kleinste und zugleich skandinavischte Land
der drei baltischen Staaten. Das schlägt sich nicht nur in
der Sprache nieder, auch vom Design her dominieren von
IKEA bekannte Formen und Farben. Auch preislich bewegt sich
hier einiges auf skandinavischem Sozialstaatpreisniveau. Ist
in Lettland alles zweisprachig mit Rücksicht auf die russische Bevölkerungsminderheit angelegt so muss man hier lange suchen
bis man etwas in kyrillischen Buchstaben findet. Es ist das
Land der unverkrampften Unisextoieletten, je nach Grösse der
Einrichtung findet man mehrere, und hoffentlich eine freie,
davon vor.

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Wodka: Nationalgetränk der nördlichen Länder die an den Polarkreis grenzen

Busfahren - Busse sind in Estland, neben dem
PKW, der einzige Weg das Land zu bereisen. Das es Zuggleise
und Bahnhöfe gibt scheint man vergessen zu haben, es gibt
praktisch keine zivilen Zugreisen. Die Busfahrer strahlen
eine an Stoizismus grenzende Ruhe aus die ihresgleichen sucht.
Strikt halten sie den Fahrplan ein und hampeln nicht lange
herum um etwa zu prüfen ob noch immer alle Reisegäste im Bus
sind oder nicht. Estland von der Küste zur Grenze in einem
Bus von Ost nach West zu durchqueren, zwischen 250 - 300 km
Luftlinie, dauert ungefähr sieben Stunden. Einem baltischen
Sprichwort zu Folge bringen Blumen Reiseglück. Die Busfahrer
halten sich daran und haben stets frische Schnittblumen in
einer Vase neben dem Lenkrad montiert.

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Frische Schnittblumen bringen Reiseglück

Ob aus zivilem Ungehorsam oder anderen Gründen halten sich Busreisende
niemals an die Platznummer welche ihnen beim Ticketkauf zugewiesen wird.
Ich ahme es ihnen nach und verhalte mich entsprechend undiszipliniert.
Schließlich will man als Gast im fremden Land ja nicht gleich anecken
und negativ auffallen. Außerdem weiss ich nicht, was "Bitte räumen sie
diesen Platz unverzüglich, er ist für mich gedacht!!!!" auf estnisch heisst.
Ordnung ist wichtig! Der Busmarkt ist fest in skandinavischer Volvo-Hand.

Finanzielles - Die estnische Währung heisst Krooni.
15 Kronen entsprechen einem Euro. Im Portemonnaie hat man immer ein
stattliches Bündel Geldscheine das schneller zusammenschrumpft als
es einem lieb ist. In einer Kneipe kann man fix 500 Kronen auf den
Kopf hauen. Gewöhnungsbedürftig, in Lettland war es mit einem quasi
1:1 Kurs einfacher, die Übersicht zu behalten. Das Leben hier ist
spürbar teurer als beim südlichen Nachbarn, im Vergleich zu
Deutschland aber immer noch preiswert. Während in Lettland
planwirtschaftliche Einheitspreise bei Busfahrten oder
Eintrittsentgeldern vorherrschte muss man hier jedesmal umdenken.


Sprache

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Estnisch für Busbahnhof

Estnisch ist eine sehr entspannte Sprache. Sie erinnert schon
phonetisch wenig an slawische Sprachen, sondern klingt eher
wie eine Mischung aus Finnisch, Deutsch und Türkisch. Was daran
liegen kann, das es endlich wieder Umlaute in der Sprache (und
damit auch auf der Tastatur gibt). So richtig deutsche Umlaute
ö,ä und ü - nicht die skandinavischen Spielarten wie das
durchgestrichene O oder ein A mit einem Kringel auf dem Giebel.
Mit gleich zwei Umlauten in meinem Namen bin ich hier also ein
gern gesehener Gast. Englische Lehnwörter werden mehr oder
minder direkt übernommen.

Beispiele:

jäääär - Eiskante (Guiness-Buch verdächtige vier Umlaute hintereinander!)
politsei - Polizei
bussijaam - Busbahnhof
internetipunkt - Internetcafe
surfima - surfen
e-mailima - emailen
köök - Küche
gümnaasium - Gymnasium
rüütli - Burg
bochumi - Bochum




Pärnu

Die estnische schönwettersommerfrische direkt an der Ostsee ist meine
erste Station auf estnischem Boden. Die Busfahrt von Riga hierher
führte an der von der untergehenden Sonne malerisch beschienen Küste
Lett- und Estlands entlang. Bei diesem Licht scheint es, als ob die
Flüsse, welche man überquert, nicht in die Ostsee münden, sondern von
dieser gespeist werden. Vielleicht ist es ja auch wirklich so und der
gute alte Ententeich Ostsee hat hier im Baltikum ein paar natürliche
Abflüsse in Form von Flüssen eingebaut? Genügend Wasser ist locker
vorhanden.

Im Sommer boxt hier der Papst im Kettenhemd, jedenfalls
laut Reiseführer. Ganze Discotheken aus dem Land stellen
ihren Betrieb ein und schagen ihre Zelte hier auf. Da
der Sommer vorbei ist hat Pärnu aber schon einmal sämtliche
Klotten eingemottet und auf Winterbetrieb umgestellt. Das
Wetter ist gar nicht so übel, auch wenn es sich nur begrenzt
zum am Strand liegen und in der Sonne brutzeln eignet.

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Umkleidesichtschutz am Strand von Pärnu mit Wurstreklame. Dahinter zieht man
sich gerne um!


Die Damen von der Touristeninformation haben den Saisonwechsel
inhaltlich noch nicht vollzogen und empfehlen einen
Fahrradverleih. Der wird von den di Stefanos, die nebenher noch
eine Pizzeria mit Ostseeblick gleich hinter den Dünen betreiben,
organisiert. Die di Stefanos sind aber inzwischen bereits wieder
in Neapel und haben Pärnu über den Winter den Rücken gekehrt.
Auch die von der Touristeninformation genannten Abfahrtszeiten
der Busse entsprechen meistens denen der Hauptsaison und sind
mit Vorsicht zu geniessen.

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Unterkunft in Pärnu

Das partiell verwaiste Parnü lässt seine Grösse im Sommer nur erahnen. Architektonisch findet man einen ansprechendes Sammelsurium von
mittelalterlichen, hanseatisch dominierten, Bauten über Neoklassizismus
bis hin zu Bauhaus. Das örtliche Backpacker Hostel ist in einem
um die vorletzte Jahrhundertwende gebauten ehemaligen Altersheim
untergebracht. Es erinnert mich stark an meine alte Schule in Detmold.
Es würde mich nicht wundern wenn sich herausstellte das beide Gebäude
vom gleichen Architekten gebaut wurden. Schulen und Altersheime haben
ja eine Menge gemeinsam.

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Die estnische Küche ist eine rustikalere

Bei der Ankunft in Pärnu habe ich Johannes aus Nürnberg/Bamberg
kennengelernt. Anscheinend sind wir zur Zeit die einzigen Gäste
im Hostel. Die alte Frau aus der Küche fährt trotzdem ein
Frühstücksbüffet auf welches locker zehn weitere Gäste satt
machen würde. Sie ist auch die erste Baltin welche Deutsch
spricht (das wenn überhaupt eher von den Älteren verstanden wird,
mit englisch kommt man auch bei Landsleuten am weitesten). Rückt
man den Stuhl vom Tisch ab um sich mit Nachschub zu versorgen
so kommt sie hilfsbereit aus der Küche gesprungen und fragt
"Schmeckts?". Das tut es und so verschwindet sie alsbald
wieder zurück in die Küche um dort still auf ihren nächsten
Einsatz zu warten.

In Ermangelung eines Fahrrad oder Autoverleihs bleibt Johannes
und mir genügend Zeit, Strand und Badeort ausführlichst zu
untersuchen. Und nebenbei in Kneipen gemütlich abzuhängen.
In das Nobelrestaurant lässt man uns leider nicht, wir können
die Hürde der Gesichts/Kleiderkontrolle nicht nehmen. Vielleicht
hätten wir uns vorher einen Tisch bestellen sollen - dann
hätten wir diese Frage beim Eintritt positiv bescheiden können?

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Strasse in Pärnu am Morgen

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Lenin Statue in Parnü: Während im restlichen Ostblock
immer die gleichen Standbilder von Lenin zu finden waren war
die Esten diesem immergleichen Anblick schnell überdrüssig.
Zur Auflockerung wurden daher Standbilder wie dieses, welches
den jungen Lenin beim spielen einer Polka im Exil zeigt,
aufgestellt.




Kuressaare

Zu alten Zeiten hiess Kuressaare, die Hauptstadt der Insel Saarema, Ahrendsburg.
Das der alte deutsche Name Ösel der Insel Saarema nur noch in Wochenschauen
aus dem zweiten Weltkrieg oder in vor 1945 gedruckten Karten Verwendung findet
ist auf jeden Fall eine Verbesserung. Ösel hört sich doch eher so an, als würde
man Gammelfleisch rückwärts essen.

Johannes und ich checken im kleinen Hotel Repro ein. Dominierend sind hier vor Ort
riesige Wellnessbunker in denen es einem mit Schlammbädern, Fitnesstudios
und integrierten Meerwasserhallenbädern an nichts mangelt. Sie bieten das
gesamte Spektrum an Wellnessdienstleistungen welches auch zu Hause
in Bad Meinberg, Bad Oehnhausen, Bad XXX angeboten wird. Mehrere Busladungen
hoch werden Kurgäste zu diesem Zwecke angekarrt.

Das Hotel Repro steht sowohl preislich als auch von den medizinischen
Dienstleistungen her im krassen Gegensatz zu diesen Wellnesstempeln.
Es versteckt sich so geschickt zwischen den Wohnsilos der Einheimischen
das wir es nicht auf Anhieb finden. Dabei steht ein Polizeiauto direkt vor
seiner Tür und nur ein paar Meter weiter gibt es den vermutlich einzigen
Puff mit Nacktbar und Tabledance. Der örtliche Lude engagiert sich touristisch
ausserdem mit dem Billigverleih von Autos (Golf Baujahr 1981!). Mein Zimmer
könnte von der Farbgestaltung her den gleichen Innenarchitekt haben wie
sein Laden ein paar Häuser weiter. Es macht mir aber nichts aus, denn
pinke Wände bin ich spätestens seit der Übernachtung im Elviszimmer
in Liepaja gewohnt. Meine Netzhaut wird in diesem Urlaub stärker strapaziert
als durch stundenlanges starren auf einen Monitor. Nebenbei gibt es ein 1A
Frühstück und das Personal ist sehr freundlich, die Räume ausserdem ruhig
und sauber. Und wir bekommen einen Nebensaisonsspezialtariff verpasst.

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Shoppen in Kuressaame: Judiith verkauft Damenunterwäsche und Handtaschen aus einer Hand

Ein Auto zur Erkundung der Insel mieten wir uns am nächsten
Tag in einer Garage am Stadtrand. Es muss eine persönliche Verbindung
in die Pfalz geben, denn die Autowerkstatt verkauft Gebrauchtwagen
welche noch mit deutschen Nummernschildern aus dieser
Region ausgestattet sind. Es regnet stark an diesem Tag und so ist
der frisch gewaschene heruntergefahrene blaue Opel Corsa schlammverkrustet
als wir ihn zurückgeben, was auch anstandslos akzeptiert wird. Für 22 Euro
pro Tag ist das ein echtes Schnäppchen! Tankstellen hier zulande
sind komplett automatisiert, am Automaten entrichtet man seine Tanksumme
und kann dann so lange Tanken bis das Geld aufgebraucht ist (1 Euro
pro Liter). Die Strassen der Insel sind nur teilweise asphaltiert was zusammen
mit den fast blank heruntergefahrernen Reifen führ ein Fahrvergnügen
der besonderen Art garantiert. Vom Breitengrad her ist man hier
auf einer Höhe mit Schweden weshalb spezielle Verkehrszeichen
konsequent vor kreuzenden Elchen warnt. Elche selbst sehe ich aber nur im
Museum.

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Standbild des schlafenden Soldaten: "Soldaten sind eh nur faule Säcke, die braucht doch kein Mensch" klärt die pazifistische Inschrift auf. Stimmt.

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Amtsschreiben aus Zeiten der deutschen Besetzung 1941-1944

Sehenswert ist vor Ort die alte Burg, welche zwar diverse
Male erobert wurde und den Besitzer gewechselt hat aber
nie zerstört wurde. Ansonsten gibt es ein sehr gemütliches Cafe
in welchem wir uns gerne aufhalten und die Zeit mit Schachspielen
verbringen. Sehr entspannend wird musikalisch abwechselnd
Leonhard Cohen und anderer Easy Listening Kuschelrock
gespielt. Der verrauchte Sprechgesang Cohens ist ein
stil und geschmackvoller Kontrast zum sonst üblichen
ABBA oder Bohlenpopschrott. Die Bedienung ist ausgesprochen
freundlich, was aber auch daran liegen kann, das ich stetig
nachbestelle. Hier im Cafe komme ich endlich zur Ruhe.

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Alte Ordensritterburg in Kuressaare

4.9.06

Baltikum 3: Gauja Nationalpark / Kurland

Nach einer Woche Lettland bin ich im Begriff, meine Reise durch
das Baltikum nordwärts Richtung Estland fortzusetzen. Da es heute
zum ersten Mal den halben Tag lang regnet nutze ich die Gelegenheit
für einen Zwischenbericht.


Gauja Nationalpark

Der Gauja Nationalpark 80 km westlich von Riga umrahmt den Fluss
Gauja. In Lettland ist dieses Gebiet auch als lettische Schweiz bekannt.
Der Begriff ist etwas übertrieben, denn Gletscher oder kahle Gipfel
jenseits der Baumgrenze sucht man hier vergebens (aber die gibts in
der "Holsteinischen Schweiz" ja auch nicht). Streng genommen gibt es
hier auch gar keine Berge im eigentlichen Sinn, sondern nur das Tal
welches der Fluss Gauja in Jahrtausenden durch den weichen Sandstein
gespült hat. Und wenn man runter zum Fluss geht und nach oben schaut,
dann bekommt man wirklich das Gefühl, das es hier so etwas wie Berge
gibt.

Gauja
Fluss Gauja

Neben Fluss und diesen quasibergen gibt es außerdem eine Menge
Wald. Wie es sich für einen ordentlichen Nationalpark gehört. Meistens
Fichten und Birken, vereinzelt auch ein paar Laubbäume. Auch soll es
hier Bären und Luchse geben. Die habe ich in freier Wildbahn aber nicht
vor die Linse bekommen, dafür aber etwas Rotwild. Man gibt sich ja
schon mit wenig zufrieden. Und der Wald hat was Schönheit angeht
mindestens neuseeländisches Format, auch wenn die Farne hier
wesentlich kleiner sind.

Rotwild im Gauja Nationalpark
Rotwild im Gauja Nationalpark

Aber nicht alles was hinkt ist ein Vergleich. Auf schweizerischem Niveau
sind die Preise für eine Unterkunft. Es gibt einfach keine billigen Absteigen.
Am preiswertesten bin ich in Sigulda mit dem gleichnamigen Hotel "Hotel
Sigulda" bedient. Zwar zahle ich mehr für eine Nacht als die letzten drei
Übernachtungen zusammen in Riga. Wie sagt der Schwede Emilio
noch vorgestern so schön: "Beim Urlaub soll man nicht sparen, sondern
Geld spendieren". Es lohnt sich aber: Die teuer erkaufte Privatsphäre auf
großzügigem Raum nutze ich zur Körperpflege und zum
Wäschewaschen. Ebenso gibt es hier die einzige Seilbahn Lettlands welche
einmal über das Flusstal gespannt ist. In Summe hinkt der Vergleich mit der
Schweiz also doch nicht so stark.

Zentrales Element von Sigulda, der Startpunkt des Nationalparks, sind die
Burgen. Im Umkreis von nicht einmal zwei Kilometern stehen fünf
Burganlagen herum, von nicht mehr vorhanden und geschliffen über
Ruine bis hin zu komplett restauriert reicht das Spektrum der Bauzustände
der Burgen. Vielleicht läuft hier deshalb auch eine Gruppe chinesischer
Touristen herum. Die mögen Burgen ja besonders gerne sehen wenn sie auf
Europatrip sind. Sigulda ist so eine prima und preiswerte Alternative zu den
deutschen Burgen an Mosel und Rhein.

Ordensritterburgruine in Sigulda
Ordensritterburgruine in Sigulda

Bevor ich den Park in Richtung Kurland und Ostsee verlasse tauche
ich noch tiefer in ihn ein. In den wenigen Ortschaften, in denen nur
noch eine handvoll Leute wohnen, scheint die Zeit stehen geblieben
zu sein. So als ob die letzte technische Innovation die Erfindung
des Ottomotors oder der Anschluss an das Stromnetz war. Man nimmt
es gelassen schulterzuckend zur Kenntnis und lebt weiter wie hundert
Jahre zuvor, wie immer schon. Ein iPod wirkt in dieser Umgebung fremd,
fast außerirdisch.

Die zumeist alten Menschen die hier wohnen verdienen sich ein Zubrot
zur kargen Rente indem sie selbst angebautes und selbst gesammeltes
(Beeren und Pilze) in Riga auf dem Zentralmarkt verkaufen. Manchmal sieht
man dort auch alte Menschen stehen welche stundenlang darauf warten,
das man ihnen eine Plastiktüte abkauft. Was andere anscheinend
aus Mitleid auch machen.


Reisen in Lettland

Das Zugnetz ist nur sehr rudimentär ausgebaut und zentralistisch auf
Riga zugeschnitten. Das Personal am Rigaer Haupbahnhof ist dafür berühmt,
extrem unfreundlich zu sein. Auf der Suche nach dem Abfahrtsgleis, welches nicht auf den einschlägigen Fahrplänen ausgewiesen ist, werde ich drei Mal von einer Information zur anderen und dann vier Mal zwischen den Kassenhäuschen hin und hergeschickt. Beim vierten Kassenhäuschen wird die Zeit für mich so knapp das ich mich nicht mehr anstelle (und keiner der Wartenden in der Schlange murrt dabei auf). Und diesen Platz verlasse ich erst, als man mir die gewünschte Auskunft erteilt. Tipp für Zugreisende in Lettland: Einfach Passanten (am besten die jüngere, die können alle Englisch) ansprechen, sie helfen gerne und unkompliziert weiter. Ansonsten zahlt sich eine gewisse Hartnäckigkeit aus.

Ein anderes Mal weigert man sich, mir ein Bahnticket von
Riga nach Liepaja zu verkaufen. Vielleicht habe ich auch nur an der falschen
Stelle genickt oder mit dem Kopf geschüttelt? "No Train to Liepaja, we have no"
Die Dame im Kassenhäuschen 5 cm weiter rechts ist ebenso ungewillt.
Mehr Glück habe ich einen weiteren Schalter weiter. Auf die Frage "Vieta?" nicke
ich entschieden mit dem Kopf und bekomme das gewünschte Ticket. Und merke das
Vieta eine Platzreservierung ist. Die benötigt man beim Check-In in die
Züge, ohne setzt man keinen Fuss ins innere. Während der Fahrt werden
Filme gezeigt. Gleichzeitig im Originalton, auf russisch und mit lettischem
Untertitel. Da ist für jeden was dabei. Apropos Kino: Den Film "Thank you
for smoking" habe ich neulich Abend in Riga gesehen, lohnenswert, war sehr
lustig.

Einfacher herum kommt man mit dem Bus. Die fahren häufiger und steuern
auch die kleinen Ecken des Landes an. Dabei sind sie in der Regel sogar
schneller als die Züge, welche immer an jeder Gießkanne halten. Auch wenn
die Busse proppenvoll sind und man für eine Stunde oder länger in einem
VW Bus grossen Gefährt (oft sind die 20 Sitzplätze einfach besetzt) bleiben
die Letten gewohnt gelassen und freundlich. Ein sehr angenehme entspanntes
Volk!

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Busfahrt Liepaja - Riga: Die Letten sind verrueckt nach Schnittblumen, ohne
eine Blume in der Hand wird das Haus gar nicht erst verlassen. Im Busfenster angebracht bringen sie ausserdem Glueck.



Kurland & Liepaja

Der Zug nach Liepaja fährt mitten durch die Region Kurzeme. Auf Deutsch
hat man früher Kurland zu dieser Ecke gesagt. Spontan erinnert es mich
an Schleswig Holstein, nur ohne Windräder und mit Bäumen und Wald.
Letzteres ist in Schleswig Holstein ja eher spärlich vorhanden, der Slogan
"Land der Horizonte" daher aber passend da man ungehindert den Blick
von Ost- zur Nordsee schwenken lassen kann. Hier in Kurland geht das
nicht, da sind einfach zu viele Wälder dazwischen.

Was außerdem auffällt: Überall gibt es Storchennester. Leider zur Zeit
unbesetzt. Stoerche sind hier nichts besonderes. Was passiert wohl,
wenn in Deutschland mal wieder ein Storch gesichtet wird? Erst einmal
wird er einen Namen übergestülpt bekommen Nennen wir ihn den Storch
einfach mal Tiffy. Vielleicht ist Tiffy so unvorsichtig, in der Nähe von Rügen
gesichtet zu werden. Fix hätten wir dann den Probemstorch Tiffy, denn er könnte ja die heimische Vogelwelt mit Geflügel-BSE verseuchen. Schließlich würde Tiffy
abgeknallt. Tiffy sollte also besser hierher nach Lettland kommen, hier ist
genügend viel Platz vorhanden.


Zum Ende des zweiten Weltkriegs habe sich die Letten die ausgedehnten
Wälder der Region genutzt und noch lange gegen die Rote Armee gekämpft. Während
in Berlin schon längst die Kapitulationspapiere unterzeichnet waren gab man hier immer noch nicht auf. Lange konnte man sich der russischen Übermacht und Besatzung
auch nicht entgegenstellen, auch wenn man es versucht hat.

In der alten Hafenstadt Liepaja haben sich die Russen dann erst einmal
ein drittel der Stadt unter den Nagel gerissen. Der Stadtteil Karosta wurde
zu einem Kriegshafen ausgebaut und fast 50 Jahre lang durften nur Angehörige
der Armee diesen abgeschotteten Teil der Stadt betreten. Schon zu Zeiten
des Zars wurde der Hafen zu einem bedeutenden Marinehafen ausgebaut.

Karosta: Ueberbleibsel des zaristischen Militaerhafens
Karosta: Ueberbleibsel des zaristischen Militaerhafens

Wohnsilo (benutzt) in Karosta
Karosta: Wohnsilo (benutzt)

Heute darf jeder hinein. Man findet verlassene Militäranlagen, sowjetische
Mietskasernen, manchmal bewohnt, meistens jedoch leer. Dazwischen eine opulente orthodoxe Kirche mit vergoldeten Türmen. Trostlos und spannend
zugleich. In diesem bewohnten Freilichtmuseum lohnt es sich, über Mauern
zu klettern und auf Entdeckungsreise zu gehen. Lettische Künstler zieht es
hierher, denn Artelies gibts für umsonst - man nimmt sich einfach, was man braucht - und die Atmosphäre hier ist sehr inspirierend.

Touristen können ein ehemaliges Gefängnis für Armeeangehörige besichtigen. Dagegen wirken die Bilder aus Guantanamo wie ein vier Sterne Unterkunft. Im Gegensatz zu Alcatraz ist hier noch niemand geflüchtet. Besonderer Gag
für Besucher: Eine Nacht im Gefängnis verbringen und sich dabei authentisch
zur Sau machen lassen. Mit allen Schikanen, inklusive Schlafentzug. Auch
Rollenspiele ohne Übernachtung sind buchbar.

Ich ziehe das Hotel Fontane vor. Ein Geheimtipp für alle, die mal hierher kommen wollen. Gleich nebenan ein Laden, der zünftige Rockmusik spielt. Die Räume sind thematisch individuell eingerichtet. Ich nächtige im Elvis Presley Zimmer, seine Schmalztolle wacht von den vielen Bildern während ich mich in den goldenen Laken wälze. Auch das Frühstück in diesem Laden ist vom feinsten.

Hotel Fontane in Liepaja: Elvis Presley Zimmer
Hotel Fontane in Liepaja: Elvis Presley Zimmer

Ventspils

Mein Weg führt mich die Küste von Liepaja nach Ventspils hoch. Nimmt man die Küsten
von Litauen im Süden und Estland im Norden hinzu so bieten sich in Summe fast 600 KM durchgängier Sandstrand. Wo sonst in Europa bekommt man das geboten?

Mit 40.000 Einwohner zählt Ventspils immer noch locker zur Top Ten der größten
lettischen Städte. Es ist aber bemerkenswert weniger erschlossen als andere Orte. Eigentlich wollte ich von hier aus mit einem Mietwagen das einsame Kurland erkundigen. Leider kann man anscheinend nur in Riga am Flughafen Autos mieten, sonst nirgendwo im Land. Auch mit Bussen kommt man nur in die nächsten Städten und nicht individuell zu den abgelegenen Dörfern. Auch ist die Touristeninformation ist selten schlecht und wenig hilfsbereit ausgerüstet. Eigentlich wollte ich hier länger bleiben und dann mit einer Fähre nach Saarema, der größten estnischen Insel vor dem Golf von Riga, ruebermachen. Doch die Fähre hat ihren Fährbetrieb bereits gestern eingestellt und verkehrt offensichtlich nur im Sommer.

Schade. Also bleibe ich nur kurz hier und werde morgen über Riga und Eurobus nach Estland einreisen. Als Uebernachungsmoeglichkeit ist das Olympiazentrum ein Geheimtipp. Jedes Zimmer, egal ob mit 1-4 Betten ausgerüstet, ist für spottbillige 18 Euro zu haben. Nebenbei kann man ein paar lettische Spitzensportler Abends bei einem Bier kennenlernen während im Fernsehen das Regionalligaspiel Pauli gegen Union Berlin und die Qualifikationsspiele von Lettland und Deutschland im Fernsehen live gezeigt werden. Ich nutze diese Gelegenheit und
lerne so nebenbei die lettische Meisterin im Rhoenradfahren kennen.

Kontakte anderer Art knüpfe ich heute bei einer Hafentour. Hinter mir auf dem Ausflugsdampfer sitzen Werner und Rainer, zwei jung gebliebene mitsechziger aus dem Ruhrgebiet, die sich in breitem Ruhrpottslang unterhalten und so ihre Herkunft nicht verleugnen. Später treffe ich sie in dem einzigen Restaurant des Ortes
und wir trinken ein paar Bier zusammen. Auch wenn Liepaja und Ventspils nur
150 km Luftlinie auseinander liegen so trennt sie musikalisch doch Welten: Hier in Ventspils gibts nur Bohlen inspirierten Russenpop und ABBA zu hoeren ("No Face, no name, no number" - zuletzt habe ich diesen Mordern Talking Hit am Baikalsee gehoert)

Etwas deprimierend ist der Besuch des lokalen Scandlines Büros. Ventspils wird direkt von einer Fähre von Rostock aus angefahren (ein Weg den auch Rainer und Werner hierher genommen haben). Auch hier ist unsere COAST Software seit kurzem im Einsatz. Die Bedienerin klagt aber über das Manko, nicht jederzeit eine Ladeliste erzeugen zu können. Die Arme hat zwei Rechner an ihrem Arbeitsplatz um die durch geschlichen Vorgaben geforderten Dokumente vor einer Abfahrt von Hand per Excel zu erzeugen (im Hafen in Klaipeda auf litauischer Seite hat man dieses Problem nicht). Noch vor einer Woche habe ich an einer Problemloesung hierfür gearbeitet, leider muss sie sich noch etwas gedulden, bis eine neue COAST-Version ihren langen Weg von Hamburg hierher findet. Wenigstens kann ich ihr zeigen, wie sie mit dem Porthandling-Dialog eine Partie Tetris spielen (CTRL+ALT-T,E,T,R,I,S) und ihre Wartezeit damit verkürzen und kurzweiliger gestalten kann. Außerhalb der Hauptsaison gibt es hier nicht viel zu tun.


Morgen gehts über Riga nach Parnue (Estland) und dann endlich auf die Insel Saarema.

1.9.06

Baltikum 2.5: Bilder von Zwischendurch

Waehrend ich noch an den Berichten feile hier ein paar Highlights der Photos die ich bisher aufgenommen habe. Fuer die, welche nicht auf meine FLICKR Photos zugreifen.

Sigulda: Burg Bischoffs von Riga
Sigulda: Burg des Bischoffs von Riga


Sigulda: Grafitti
Eigentuemliche Grammatik, klare Aussage: Russen sind in Lettland immer noch sehr verhasst


Burgfraeulein
Don't mess with the burgfraeulein


Hotel Fontane in Liepaja: Elvis Presley Zimmer
Hotel Fontane in Liepaja: Mir wurde das Elvis Presley Zimmer zugeteilt


Huegelgrab
Liepaja/Karosta: Bronzezeitliches Betonhuegelgrab der Liven, ein Stamm der damals diese Gegend besiedelt hat. Grabraeuber haben drinnen leere Wodka und Bierflaschen zurueckgelassen und in die Ecken gepinkelt.


Stadion Liepaja
Das Daugava Stadion zu Liepaja. Legendaer: Die Stimmung und die Naehe zur Ostsee (keine 50m von den Duenen entfernt!)

30.8.06

Baltikum 2: Neues aus Riga

Bernstein
Bernstein wird auf Rigas Strassen in derart grossen Mengen verkauft das ich mir nicht mehr vorstellen kann, das es am Strand gesammelt wird. Meine Theorie: Es gibt einen gut versteckten (vielleicht unterirdischen?) Bernsteinsteinbruch. Oder: Die Ketten speisen sich aus dem Bernsteinzimmer, welches nach dem Krieg von der vorrueckenden roten Armee zu einem grossen Bernsteinklumpen eingeschmolzen wurde, danach hat man diesen Klumpen einfach vergessen. So koennte es doch gewesen sein!

Riga Zoo

Der Zoo praktiziert einige sehr unkonventionelle Methoden um zusaetzlich an Kohle
zu kommen. Der Eintritt ist mit 50 Cent vergleichsweise niedrig, doch an dieser
Schraube wird nicht gedreht. Handysuechtige Teens, die fuer jeden Scheissklingelton
oder Bildchen ihr Taschengeld raushauen - und daran ist auch in Lettland kein Mangel -
koennen sich grob schwarzweiss gerasterte Elefanten Bildchen mit Spruechen wie
"Lettland Zoo: Ich war dabei" oder "Meet Crazy Frog at Riga Zoo" herunterladen.
Richtig viel Umsatz bringt das aber auch nicht. Der Clou ist daher das Sponsoring:
Whiskas sponsort den Tiger, das Krokodil hat sich Lacoste unter den Nagel als
Topsonsor unter den Nagel gerissen. Das ist product placement at its best. Besser
geht es nicht.


Fussball in Lettland

Skonto Riga: Fan
Skonto Riga: Fan

Gestern Abend habe ich dem Spitzenspiel Skonto Riga gegen FK Jurmala beiwohnen duerfen. Skonto ist der Rekordmeister der diese Liga mehr oder minder unangefochten dominiert. Von 15 moeglichen Meisterschaften seit 1991 haben sie 16 geholt und eine am gruenen Tisch wegen Transferverstoessen verloren. Das man trotzdem auf europaeischer Ebene von ihnen nichts gesehen hat, liegt daran, das sie sowohl 2000 (gegen den luxemburgischen Renomierverein Jeunesse Esch) als auch 2004 (gegen Trabzsonspor) bereits in der Vorrunde der Qualifikation zur Champions League ausgeschieden sind. Jurmala ist ein Badeort aus der naeheren Umgebung. Vom Kraefteverhaeltnis her muss man sich also vorstellen, dass der HSV gegen SUS Groemitz oder DJK Westerland spielen wuerde.

Nur etwa 500 Zuschauer verirren sich in das 8500 Zuschauer fassende Stadion mit integrierter Eislaufhalle. Skonto wird seiner Favoritenrolle gerechnet und fuehrt bereits in der 15. Minuten mit 2:0. Das die Partie doch nicht zu einem Schuetzenfest mutiert liegt an einem Platzverweis. Jurmalas Trainer reagiert mit einer Umstellung und bringt seinen brasilianischen Edeljoker Antonio Fereirra. Nur zu zehnt aber mit brasilianischer Power kann Jurmala die erhoffte Trendwende erzwingen: Fereirra trifft in der 25 Minute zum 2:1 Anschlusstreffer und Skonto zittert sich in die Pause. Der zweite Durchgang ist ein spannender Schlagabtausch: Skonto
will vorzeitig die Entscheidung, Jurmala zu 10. und vor allem ihr Schlussmann stemmen sich mit Mann und Maus dagegegn - und ist mit Kontern immer wieder gefaehrlich. Bis fuenf Minuten vor Schluss halten sie tapfer durch, dann entscheidet Skonto die Partie 3:1 fuer sich. Insgesamt ist das Niveau der Partie mit dem eines durchschnittlichen Regionalligaspiels in Deutschland vergleichbar. Mehr vom und um das Spiel vielleicht demnaechst an ganz anderer Stelle.

Im Stadion findet am Samstag uebrigens das Qualifikationsspiel fuer die naechste EM statt. Lettland spielt gegen Schweden. Bei diesem Anlass wird das Stadion ausverkauft sein, so versicherte man mir, der Vorverkauf beginnt heute. Schade, dass ich nicht dabei sein kann. Viel Glueck Lettland - mit Schweden, Daenemark und Spanien in einer Gruppe wirst du es brauchen!


Nazipack im Baltikum

Negativer Hoehepunkt des Spiels sind die Skins der Skonto Ultras. Ekelhaftes kahlgeschorenes Nazipack. Nur 4-5 von ihnen sind im Stadion, rythmisch rufen sie
Anfeuerung zur Melodie von "Let me be your drill instructor", inhaltlich kann ich aber
nicht verstehen, was sie genau skandieren. Ist vielleicht auch ganz gut so.
Nach dem Spiel verbruedern sie sich mit gleichgesinnten Englaendern die gerade
in der Stadt sind. Man erkennt sich gegenseitig am Dresscode: Londsdale Klamotten,
Fred Perry Logo und den weissen Schnuersenkeln in den Springerstiefeln.

Puenktlich zu Fuehrers Geburtstag sollte man als Auslaender Abends am besten
gar nicht ausgehen. Diese No-Go Warnung gibt der "Lonely Planet" nicht umsonst
in seiner Osteuropa Ausgabe. Neben Auslaendern eignen sich auch Homosexuelle
prima als Zielscheibe fuer diese Kameraden. Die Zeitung "Riga News" berichtete von
unangemeldeten Gegendemos anlaesslich der diesjaehrigen "Gay Pride Parade".
Unter der Unterschrift "Rigas Shame" ist ein von Polizei eingekesselter Glatzenmob
zu sehen. Uniform tragen sie weisse T-Shirts mit einem Piktogramm zweier korpulierender
Maenner a tergo umrandet von einem international bekannten Verbotszeichen
(durchgestrichener roter Kreis). Die ganze Aktion ist Generalstabsmaessig vorbereitet und
geplant: Die Polizei konfisziert schon im Vorfeld abgefuellte Plastikbeutel randvoll gefuellt
mit Kotze und Scheisse. Daher kommen nur wenige davon als Wurfgeschosse waehrend
der Demo zum Einsatz. Die Zeitung mutmasst, das das gute Sommerwetter den Kameraden das Gehirn verbrannt hat, anders laesst sich das wohl auch nicht erklaeren. Aehnliche Krawalle gab es diesen Sommer auch weiter noerdlich in Talinn.


Architektur und historisches in Riga

Riga: Blick von St.Petri Kirche
Riga: Blick von St.Petri Kirche

Zwei Tage sind nicht zu knapp kalkuliert wenn man sich Rigas
architektonischen Schoenheiten in aller Ruhe anschauen will.
Von Bombern im zweiten Weltkrieg weitgehend verschont
gibt es nirgendswo auf der Welt so viele Jugendstilbauten in
einer Stadt wie hier. Aus diesem Grund steht Riga zu Recht
in der UNESCO Liste des zu schuetzenden Weltkulturerbes.

Nur sehr langsam verliert Riga seine Unschuld. Vereinzelt wird historische
Bausubstanz abgerissen um fuer Multiplexkinos und Shopping-Malls Platz
zu schaffen. In der Altstadt wird gerade einer dieser Glas/Stahlkaefige gebaut,
so Dinger vom Kaliber einer Hamburger Welle, dem Bogen am Berliner Tor
oder dem Glasparalellogramm der seit neustem auf Hoehe der extra neu
geschaffenen HVV Faehrhaltestelle "Docklands" die Skyline Hamburgs
verhunzt.

Sehenswert ist uebrigens das Freilichtmusuem mit seinen alten
Bauernhoefen. Schon seit den 70er Jahren werden Gebaeude landesweit
dafuer gesammelt und so der Nachwelt erhalten. Der Park ist etwas
ausserhalb von Riga an einem See gelegen (und auf der Fahrt dorthin bekommt man
ersten Eindruck des laendlich verlassenen Lettlands). Malerisch sind die
Gebaeude und Hofensembles in einem Fichten und Birkenwald aufgestellt,
die Landschaft gleicht so einer Mischung aus Luenebruger Heide und Senne.

Herrlich!

Bushaltestelle vor RigaLaendliches Lettland abseits der Grossstadt


Kein "Spiegel" in Riga

Leider habe ich in Riga keine Verkaufsstelle fuer den Spiegel finden koennen.
Das einzig deutschspachige was man in Buchlaeden kaufen kann sind
Sprachkurse fuer Schulen. Etwas uninspiriert heissen diese meist droege
"Kursbuch Deutsch" oder "Ich lerne Deutsch". Da koennte man sich mal
ein Beispiel an den Englischkursen. Die haben meist motivierende Titel wie
"Let's talk". Vielleicht waere "Deutsch gut!" ein passender Name fuer einen
Deutschkurs?

Schoen und mitten aus dem Leben gegriffen sind daher die Uebungsaufgeben
des Lehrbuchs "Delphin" (mal Ernsthaft - wer vermutet hinter diesem Titel
einen deutschen Sprachkurs?). In einer besonders kniffeligen Aufgabe gehts
um Textverstaendnis. Abgedruckt ist der Text einer Einladung zu einer Party
die im Gasthof Waldesruh stattfinden soll. Nebst einer Karte auf welcher
dieser eingezeichnet. Gutes Textverstaendnis hat, wer die Frage "Aus welcher
Richtung kommen Rita und Joerg?" beantworten kann, zur Auswahl stehen
"a) Hannover, b) Bielefeld, c) Detmold, d) Paderborn". Die Antwort bleibe
ich an dieser Stelle schuldig, vielleicht will ja einer der Leser mitraten -
Loesungsvorschlaege einfach per mail an mich.


Kulinarisches

Ein Highlight der russischen Kueche sind Pelmeni. Aehnlich wie Ravioli
(aber ohne Tomatensauce), Teigmantel der Mett umhuellt. Die besten in
Riga gibts bei "Pelmini King" in der Kalkas Liepa, der seinen Namen
zu Recht traegt.

Die lettische Kueche ist eine sehr deftige. Und billig obendrein. Selbst
wenn man 2-3 Mal am Tag warm isst muss man dafuer nicht mehr als
5 Euro ausgeben.


Dainas

Daina heisst Lied. Zur nationalen Identitaetsstiftung sind sie Ende
des 19 Jahrhunderts gesammelt und schriftlich fixiert worden. Der
mehrheitlich von Frauen getexte Liedschatz wurde bis dahin
muendlich ueberliefert. Nicht unaehnlich den Gebruedern Grimm
sammelte sie der Schriftsteller Janis Cimze und reiste dabei
kreuz und quer durchs Land.

Damit ein Lied als Daina durchgeht muss es harten technischen
Anforderungen genuegen: Dainas sind in der Mehrzahl zweifuessig-trochaeische,
seltener vierfuessig-daktylische Vierzeiler, die epigrammarig das Leben des
Volkes mit Hochzeit, Liebe und Tod, Jahresfesten, Natur oder Arbeit besingen.

Praktisches Beispiel:

Eine Maus, faehrt ins Haus
Eine Fuhre Schlaf
Fahre, Maus, in mein Haus
Viele Kinder brauchen Dich

oder:

Ach wie schoen ist doch das Leben
Hier am Rand des grossen Waldes
Mit fuenf Hirschen kann ich pfluegen
Mit sechs Rehen kann ich eggen

Ob bei der Dichtung Drogen eine zentrale
Rolle spielten ist nicht ueberliefert. Dainas
wirken bisweilen inhaltlich etwas - mmhh,
ich sag mal expressionistisch - so das sich
dieser Verdacht nicht ganz von der Hand weisen
laesst.


Die Rose von Turaida

Grabstein: Rose von Tureida

Inzwischen bin ich in Sigulda angekommen. Details dazu spaeter,
zum Schluss noch eine schoene Geschichte. Der Ort hier ist
Schauplatz einer legendaer verklaerten Geschichte
um ein Maedchen mit Namen Maija. Als landesweit beruehmte
Schoenheit wuchs sie in der Bischhoffsburg von Turaida auf. So
ziemlich alle Maenner, meist aus hoeherem Stand, machten ihr
den Hof. Erfolglos, denn sie war in den Gaertner des Schlosses
von Sigulda, gleich auf der anderen Seite ihrer Burg und nur durch
einen Fluss getrennt, verliebt.

Mit ihm musste sie sich heimlich in einer gut versteckten Hoehle
treffen. Dort wurde sie von einem besonders hartnaeckigen
Verehrer, einem polnischen Offizier, ueberrascht. Damit er sie in Ruhe
liesse versprach sie ihm ihr Halstuch. Diese habe magische Kraefte
und beschuetze den der es traegt. Der Offizier wollte nicht die Katze
im Sack kaufen und Maija ermutigte ihn, es mit seinem Schwert zu
pruefen. Ob sie nur bluffte oder in dem Moment selbst daran glaubte ist
nicht ueberliefert. Nach der Probe war sie einen Kopf kuerzer und der
Offizier floh in Panik. Noch heute gedenkt man ihr und legt verwelkte
Blumen an ihrem Grab ab.