9.9.06

Baltikum 4: Estlands Küste und Inseln

Allgemeines

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Hüpfspiel auf der Strasse: Auf die EU Zugehörigkeit ist man sehr Stolz

Estland ist das kleinste und zugleich skandinavischte Land
der drei baltischen Staaten. Das schlägt sich nicht nur in
der Sprache nieder, auch vom Design her dominieren von
IKEA bekannte Formen und Farben. Auch preislich bewegt sich
hier einiges auf skandinavischem Sozialstaatpreisniveau. Ist
in Lettland alles zweisprachig mit Rücksicht auf die russische Bevölkerungsminderheit angelegt so muss man hier lange suchen
bis man etwas in kyrillischen Buchstaben findet. Es ist das
Land der unverkrampften Unisextoieletten, je nach Grösse der
Einrichtung findet man mehrere, und hoffentlich eine freie,
davon vor.

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Wodka: Nationalgetränk der nördlichen Länder die an den Polarkreis grenzen

Busfahren - Busse sind in Estland, neben dem
PKW, der einzige Weg das Land zu bereisen. Das es Zuggleise
und Bahnhöfe gibt scheint man vergessen zu haben, es gibt
praktisch keine zivilen Zugreisen. Die Busfahrer strahlen
eine an Stoizismus grenzende Ruhe aus die ihresgleichen sucht.
Strikt halten sie den Fahrplan ein und hampeln nicht lange
herum um etwa zu prüfen ob noch immer alle Reisegäste im Bus
sind oder nicht. Estland von der Küste zur Grenze in einem
Bus von Ost nach West zu durchqueren, zwischen 250 - 300 km
Luftlinie, dauert ungefähr sieben Stunden. Einem baltischen
Sprichwort zu Folge bringen Blumen Reiseglück. Die Busfahrer
halten sich daran und haben stets frische Schnittblumen in
einer Vase neben dem Lenkrad montiert.

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Frische Schnittblumen bringen Reiseglück

Ob aus zivilem Ungehorsam oder anderen Gründen halten sich Busreisende
niemals an die Platznummer welche ihnen beim Ticketkauf zugewiesen wird.
Ich ahme es ihnen nach und verhalte mich entsprechend undiszipliniert.
Schließlich will man als Gast im fremden Land ja nicht gleich anecken
und negativ auffallen. Außerdem weiss ich nicht, was "Bitte räumen sie
diesen Platz unverzüglich, er ist für mich gedacht!!!!" auf estnisch heisst.
Ordnung ist wichtig! Der Busmarkt ist fest in skandinavischer Volvo-Hand.

Finanzielles - Die estnische Währung heisst Krooni.
15 Kronen entsprechen einem Euro. Im Portemonnaie hat man immer ein
stattliches Bündel Geldscheine das schneller zusammenschrumpft als
es einem lieb ist. In einer Kneipe kann man fix 500 Kronen auf den
Kopf hauen. Gewöhnungsbedürftig, in Lettland war es mit einem quasi
1:1 Kurs einfacher, die Übersicht zu behalten. Das Leben hier ist
spürbar teurer als beim südlichen Nachbarn, im Vergleich zu
Deutschland aber immer noch preiswert. Während in Lettland
planwirtschaftliche Einheitspreise bei Busfahrten oder
Eintrittsentgeldern vorherrschte muss man hier jedesmal umdenken.


Sprache

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Estnisch für Busbahnhof

Estnisch ist eine sehr entspannte Sprache. Sie erinnert schon
phonetisch wenig an slawische Sprachen, sondern klingt eher
wie eine Mischung aus Finnisch, Deutsch und Türkisch. Was daran
liegen kann, das es endlich wieder Umlaute in der Sprache (und
damit auch auf der Tastatur gibt). So richtig deutsche Umlaute
ö,ä und ü - nicht die skandinavischen Spielarten wie das
durchgestrichene O oder ein A mit einem Kringel auf dem Giebel.
Mit gleich zwei Umlauten in meinem Namen bin ich hier also ein
gern gesehener Gast. Englische Lehnwörter werden mehr oder
minder direkt übernommen.

Beispiele:

jäääär - Eiskante (Guiness-Buch verdächtige vier Umlaute hintereinander!)
politsei - Polizei
bussijaam - Busbahnhof
internetipunkt - Internetcafe
surfima - surfen
e-mailima - emailen
köök - Küche
gümnaasium - Gymnasium
rüütli - Burg
bochumi - Bochum




Pärnu

Die estnische schönwettersommerfrische direkt an der Ostsee ist meine
erste Station auf estnischem Boden. Die Busfahrt von Riga hierher
führte an der von der untergehenden Sonne malerisch beschienen Küste
Lett- und Estlands entlang. Bei diesem Licht scheint es, als ob die
Flüsse, welche man überquert, nicht in die Ostsee münden, sondern von
dieser gespeist werden. Vielleicht ist es ja auch wirklich so und der
gute alte Ententeich Ostsee hat hier im Baltikum ein paar natürliche
Abflüsse in Form von Flüssen eingebaut? Genügend Wasser ist locker
vorhanden.

Im Sommer boxt hier der Papst im Kettenhemd, jedenfalls
laut Reiseführer. Ganze Discotheken aus dem Land stellen
ihren Betrieb ein und schagen ihre Zelte hier auf. Da
der Sommer vorbei ist hat Pärnu aber schon einmal sämtliche
Klotten eingemottet und auf Winterbetrieb umgestellt. Das
Wetter ist gar nicht so übel, auch wenn es sich nur begrenzt
zum am Strand liegen und in der Sonne brutzeln eignet.

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Umkleidesichtschutz am Strand von Pärnu mit Wurstreklame. Dahinter zieht man
sich gerne um!


Die Damen von der Touristeninformation haben den Saisonwechsel
inhaltlich noch nicht vollzogen und empfehlen einen
Fahrradverleih. Der wird von den di Stefanos, die nebenher noch
eine Pizzeria mit Ostseeblick gleich hinter den Dünen betreiben,
organisiert. Die di Stefanos sind aber inzwischen bereits wieder
in Neapel und haben Pärnu über den Winter den Rücken gekehrt.
Auch die von der Touristeninformation genannten Abfahrtszeiten
der Busse entsprechen meistens denen der Hauptsaison und sind
mit Vorsicht zu geniessen.

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Unterkunft in Pärnu

Das partiell verwaiste Parnü lässt seine Grösse im Sommer nur erahnen. Architektonisch findet man einen ansprechendes Sammelsurium von
mittelalterlichen, hanseatisch dominierten, Bauten über Neoklassizismus
bis hin zu Bauhaus. Das örtliche Backpacker Hostel ist in einem
um die vorletzte Jahrhundertwende gebauten ehemaligen Altersheim
untergebracht. Es erinnert mich stark an meine alte Schule in Detmold.
Es würde mich nicht wundern wenn sich herausstellte das beide Gebäude
vom gleichen Architekten gebaut wurden. Schulen und Altersheime haben
ja eine Menge gemeinsam.

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Die estnische Küche ist eine rustikalere

Bei der Ankunft in Pärnu habe ich Johannes aus Nürnberg/Bamberg
kennengelernt. Anscheinend sind wir zur Zeit die einzigen Gäste
im Hostel. Die alte Frau aus der Küche fährt trotzdem ein
Frühstücksbüffet auf welches locker zehn weitere Gäste satt
machen würde. Sie ist auch die erste Baltin welche Deutsch
spricht (das wenn überhaupt eher von den Älteren verstanden wird,
mit englisch kommt man auch bei Landsleuten am weitesten). Rückt
man den Stuhl vom Tisch ab um sich mit Nachschub zu versorgen
so kommt sie hilfsbereit aus der Küche gesprungen und fragt
"Schmeckts?". Das tut es und so verschwindet sie alsbald
wieder zurück in die Küche um dort still auf ihren nächsten
Einsatz zu warten.

In Ermangelung eines Fahrrad oder Autoverleihs bleibt Johannes
und mir genügend Zeit, Strand und Badeort ausführlichst zu
untersuchen. Und nebenbei in Kneipen gemütlich abzuhängen.
In das Nobelrestaurant lässt man uns leider nicht, wir können
die Hürde der Gesichts/Kleiderkontrolle nicht nehmen. Vielleicht
hätten wir uns vorher einen Tisch bestellen sollen - dann
hätten wir diese Frage beim Eintritt positiv bescheiden können?

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Strasse in Pärnu am Morgen

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Lenin Statue in Parnü: Während im restlichen Ostblock
immer die gleichen Standbilder von Lenin zu finden waren war
die Esten diesem immergleichen Anblick schnell überdrüssig.
Zur Auflockerung wurden daher Standbilder wie dieses, welches
den jungen Lenin beim spielen einer Polka im Exil zeigt,
aufgestellt.




Kuressaare

Zu alten Zeiten hiess Kuressaare, die Hauptstadt der Insel Saarema, Ahrendsburg.
Das der alte deutsche Name Ösel der Insel Saarema nur noch in Wochenschauen
aus dem zweiten Weltkrieg oder in vor 1945 gedruckten Karten Verwendung findet
ist auf jeden Fall eine Verbesserung. Ösel hört sich doch eher so an, als würde
man Gammelfleisch rückwärts essen.

Johannes und ich checken im kleinen Hotel Repro ein. Dominierend sind hier vor Ort
riesige Wellnessbunker in denen es einem mit Schlammbädern, Fitnesstudios
und integrierten Meerwasserhallenbädern an nichts mangelt. Sie bieten das
gesamte Spektrum an Wellnessdienstleistungen welches auch zu Hause
in Bad Meinberg, Bad Oehnhausen, Bad XXX angeboten wird. Mehrere Busladungen
hoch werden Kurgäste zu diesem Zwecke angekarrt.

Das Hotel Repro steht sowohl preislich als auch von den medizinischen
Dienstleistungen her im krassen Gegensatz zu diesen Wellnesstempeln.
Es versteckt sich so geschickt zwischen den Wohnsilos der Einheimischen
das wir es nicht auf Anhieb finden. Dabei steht ein Polizeiauto direkt vor
seiner Tür und nur ein paar Meter weiter gibt es den vermutlich einzigen
Puff mit Nacktbar und Tabledance. Der örtliche Lude engagiert sich touristisch
ausserdem mit dem Billigverleih von Autos (Golf Baujahr 1981!). Mein Zimmer
könnte von der Farbgestaltung her den gleichen Innenarchitekt haben wie
sein Laden ein paar Häuser weiter. Es macht mir aber nichts aus, denn
pinke Wände bin ich spätestens seit der Übernachtung im Elviszimmer
in Liepaja gewohnt. Meine Netzhaut wird in diesem Urlaub stärker strapaziert
als durch stundenlanges starren auf einen Monitor. Nebenbei gibt es ein 1A
Frühstück und das Personal ist sehr freundlich, die Räume ausserdem ruhig
und sauber. Und wir bekommen einen Nebensaisonsspezialtariff verpasst.

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Shoppen in Kuressaame: Judiith verkauft Damenunterwäsche und Handtaschen aus einer Hand

Ein Auto zur Erkundung der Insel mieten wir uns am nächsten
Tag in einer Garage am Stadtrand. Es muss eine persönliche Verbindung
in die Pfalz geben, denn die Autowerkstatt verkauft Gebrauchtwagen
welche noch mit deutschen Nummernschildern aus dieser
Region ausgestattet sind. Es regnet stark an diesem Tag und so ist
der frisch gewaschene heruntergefahrene blaue Opel Corsa schlammverkrustet
als wir ihn zurückgeben, was auch anstandslos akzeptiert wird. Für 22 Euro
pro Tag ist das ein echtes Schnäppchen! Tankstellen hier zulande
sind komplett automatisiert, am Automaten entrichtet man seine Tanksumme
und kann dann so lange Tanken bis das Geld aufgebraucht ist (1 Euro
pro Liter). Die Strassen der Insel sind nur teilweise asphaltiert was zusammen
mit den fast blank heruntergefahrernen Reifen führ ein Fahrvergnügen
der besonderen Art garantiert. Vom Breitengrad her ist man hier
auf einer Höhe mit Schweden weshalb spezielle Verkehrszeichen
konsequent vor kreuzenden Elchen warnt. Elche selbst sehe ich aber nur im
Museum.

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Standbild des schlafenden Soldaten: "Soldaten sind eh nur faule Säcke, die braucht doch kein Mensch" klärt die pazifistische Inschrift auf. Stimmt.

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Amtsschreiben aus Zeiten der deutschen Besetzung 1941-1944

Sehenswert ist vor Ort die alte Burg, welche zwar diverse
Male erobert wurde und den Besitzer gewechselt hat aber
nie zerstört wurde. Ansonsten gibt es ein sehr gemütliches Cafe
in welchem wir uns gerne aufhalten und die Zeit mit Schachspielen
verbringen. Sehr entspannend wird musikalisch abwechselnd
Leonhard Cohen und anderer Easy Listening Kuschelrock
gespielt. Der verrauchte Sprechgesang Cohens ist ein
stil und geschmackvoller Kontrast zum sonst üblichen
ABBA oder Bohlenpopschrott. Die Bedienung ist ausgesprochen
freundlich, was aber auch daran liegen kann, das ich stetig
nachbestelle. Hier im Cafe komme ich endlich zur Ruhe.

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Alte Ordensritterburg in Kuressaare

Kommentare:

alex hat gesagt…

warum gehen männer in ihrem urlaub in ein geschäft für damenunterwäsche und handtaschen??? kann mir das mal jemand erklären? kein mann betritt einen frauenbekleidungsladen es sei denn es gibt die vorhandene wäsche an vorhandenem freiwild zu begutachten....

verstehe einer die männer...

ich seh jörg schon bei seinem neuen hobby: damenunterwäsche-geschäfte in und um hamburg inspizieren und fotografieren

alex im unsinnmodus hat gesagt…

noch was...

lieber ein würstchen auf der umkleide als ein würstchen in der umkleide ^^

hab noch viel spass!!!

Anonym hat gesagt…

Habe zufällig den Artikel gelesen, zwar ist es nicht mehr aktuell, abe r ich wollte trotz dem einen gewaltigen Fehler korrigieren: Die Person, die mit einer Statue in Pärnu geehrt ist, ist keines Falls der junge Lenin, sondern einer unserer bekanntesten und populärsten Komponisten im 20. Jahrhundert- Raimond Valgre. So steht es ja auch auf der Statue. Heutzutage findet man Skulpturen die Lenin dar stellen nur noch in Museen oder in Privatsammlungen.