6.11.04

Ueber Hanoi nach Laos

Von Cat Ba nach Hanoi
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Auf unserer Expressreise durch Vietnam (leider halten wir uns
hier insgesamt nur eine Woche auf) darf die Hauptstadt Hanoi
natuerlich nicht fehlen. Per Boot und einem Minitaxi machen
wir uns auf den eintaegigen Trip dorthin.

Das Minitaxi ist ein mit allen Schikanen ausgestatter japanischer
Quetschkommoden-Minbus, der durch konsequenten Verzicht auf
einen Kofferraum bis zu sieben Personen transportieren kann.
Mehrmals am Tag faehrt der Fahrer mit diesem Gefaehrt die
schnurgerade 80km Semiautobahn zwischen Hanoi und der Hafenstadt
Haiphong ab und sammelt unterwegs Mitfahrer ein. Der Jahreszeit
angemessen baumelt am Rueckspiegel ein Weihnachtsmann
ueber einem buddhistischen Minitempel mit Raeucherstaebchenhalterung,
dem asiatischen Analogon zur in Deutschland zur unfallfreien Fahrt
verhelfenden Christopherus Plakette. Zur Unterhaltung der Fahrgaeste
ist ein LCD-Flachbildschirm in die Sonnensichtschutzblende
des Beifahrers integriert. Auf die raubkopierten vietnamesischen
Boygroups Videos, welche zu Beginn gezeigt werden, verzichten
wir dankend.

Am Ortsausgang von Hanoi picken wir noch eine aeltere Frau
auf, ansonsten will anscheinend niemand anderes ausser uns
um diese Uhrzeit nach Hanoi fahren. An jeder Strassenkreuzung
und an den Bushaltestellen faehrt der Fahrer laut hupend rechts
ran, waehrend die Frau vom Beifahrersitz aus durch das heruntergekurbelte
Fenster die Passanten auf vietmanesisch anboelkt. Niemand laesst sich
jedoch von ihren Ueberredungskuensten ueberzeugen und so uebernehme
ich anlaesslich einer Pinkelpause ihren Sitzplatz und den damit
verbundenen Koberer-Job. "Hanoi, Hanoi, wie fahren nach Hanoi" rufe ich
jetzt bei jeder Gelegenheit aus dem Fenster, doch auch mein nach besten
Kraeften durchgefuehrtes Werben um neue Fahrgaeste verpufft ergebnislos.

Auf den hinteren Plaetzen im Taxi platznehmend versucht
die Frau uns die inzwischen sattsam bekannten Dienstleistungen
von Hotels bis hin zu "very cheap Madame Vietnam" (wohl das
frankophil poetische Synonym fuer Prostituierte) erfolglos an
den Mann zu bringen. Unvermittelt haelt das Taxi dann nach
Anbruch der Nacht nach zwei/einhalb Stunden Fahrt mitten in
Hanoi an und schmeist uns raus.

Auf stumme Zeugen der Verbindungen zum ehemaligen sozialistischen
Bruderland DDR trifft man noch heute aller Orten. Unzaehlige IFA (wofuer
steht eigentlich diese Abkuerzung - fuer IndustrieFAhrzeug?) Laster
bevoelkern die Strassen, wahlweise mit Schuettgut oder Vietmanesen
beladen. Im Hafen von Haiphong verrichten Lastkraene der Marke
"VEB Kranbau Eberswalde" zuverlaessig ihren Dienst. Eher selten sind
"Minsk" Mopeds russischer Produktion anzutreffen - hier dominieren
ganz klar moderne japanische Modelle von Honda oder Suzuki.

Hanoi
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In Hanoi steuern wir zunaechst das Altstadtviertel an.
Dort finden wir ein sauberes und billiges Hotel, in dessen
Treppenlabyrinth man sich muehelos verlaufen kann: Vom
Grundriss her schmal wie ein Handtuch (das Gebauede
selbst ist nicht breiter als vier Meter) nimmt man zunaechst
die linke steile Treppe in den ersten Stock, von den dort
angebrachten drei steilen Stiegen die kurze in der Mitte
gefolgt von einer weiteren Treppe links in den dritten Stock.
Ueber eine zur Leiter mutierten vierten Treppe erreichen wir
schliesslich nach einer abschliessenden Wendeltreppe unser
Zimmer im Dachgeschoss. Hat man sich den Weg gemerkt,
so muesste das mit Moebeln verstellte Fenster eigentlich zur
Strasse hin zeigen. Tut es aber nicht. Mit Hilfe von
Kreidemarkierungen auf dem Boden gelangen wir in den naechsten
Tagen immer wieder sicher in unsere fuer drei Tage gemietete
Raeumlichkeiten.

Zentraler Ort im Altstadtviertel ist ein kleines Gewaesser
in dreifacher Binnenalstergroesse. Genau wie bei der Alster
kann man hier zu jeder beliebigen Uhrzeit joggende oder
power walkende Touristen oder Einheimische antreffen.
Toll: Auf dem Asphalt angebrachte Markierungen fuer
Volleyball und Badmintonfelder. Demnaechst wird sicherlich
auch in Deutschland Beach-Volleyball durch Asphalt-Volleyball
verdraengt werden. Mit blutig aufgeschlagenen Knien
verspricht diese Spielart dem Zuschauer zusaetzlichen
Nervenkitzel den Beach-Volleyball so nicht bieten kann.
Herumliegende abgenudelte Federbaelle zeugen ausserdem
von der Nutzung dieser Anlagen als Badmintonfelder.

Von dem Balkon bei einem leckeren Abendessen laesst
sich bei einem Bier gemuetlich der chaotische Verkehr,
der zu unseren Fuessen einen Brunnen umfliesst,
beobachten. Die Regel, nach der man sich im Verkehr
rechts zu halten hat, ist in Vietnam vollkommen
aufgehoben. Da die Buergersteige mit Geschaeften und
Buden belegt sind teilen sich Fussgaenger, Fahrraeder,
Mopeds und eine handvoll Autos die Strassen. Jeder geht
und faehrt einfach in die Richtung, in die er moechte.
Ampeln gibt es in Hanoi schaetzungsweise nicht mehr
als zehn. Vielleicht zwanzig, aber auf keinen Fall mehr.

In Vietnam gibt es noch die gute alte Tradition der
Strassenfussballer. Inmitten des Chaos bolzt eine
handvoll Kinder mit einem Fussball auf ein durch
Jacken und Taschen provisorisch markiertes imaginaeres
Tor. Eine Fussballfeldgrosse freie Flaeche inmitten des
Verkehrschaos koennen sie sich nicht erkaempfen,
stattdessen ignorieren sie einfach den Verkehr. Auf
dem Weg nach Hanoi wird auch schon mal auf
abgeernteten Reisfeldstoppelackern barfuss dem runden
Leder hinterhergejagt. Wir verteilen selbstgeschriebene
Aufnahmeformulare fuer das Fussballinternat des
F.C. St. Pauli fuer die hoffnungsvollsten Talente unter
ihnen.

Auch in Hanoi bleibt man nicht lange alleine, wenn man
sich auf eine Parkbank setzt. Mit Ngu unterhalte mich
ueber Fussball und Sehenswuerdigkeiten der Stadt und
des Landes. Wahre Wunderdinge schwaermt er mir von
Schlangenmedizin vor: von Kopfschmerzen ueber
Rueckenbeschwerden bis hin zu Erektionsproblemen reicht
das Spektrum, das man mit ihr behandeln koennen soll.
Schlangenblut ist ein beliebtes Getraenk mit vielen
positiven Eigenschaften. Ausserdem kann man die Schlangen
essen und die Haut zu Handtaschen oder Schuhen verarbeiten.
Leider habe ich keine Zeit mehr, die in der Naehe liegende
Schlangenfarm (gleichzeitig die Groesste des Landes) zu
besichtigen. Apropos Essen: Um ekelhafte, exotische Sachen
auszuprobieren brauche ich kein Dschungelcamp. Gebratene
Kraehenfuesse schmecken nicht sehr lecker, auch wenn sie
verfuehrerisch waehrend des Grillvorgangs riechen. Vielleicht
habe ich sie aber auch nur falsch gegessen.

Von Pearl und ihren Freundinnen werde ich generell ueber
Deutschland ausgequetscht. Die drei nutzen ihre Chance,
mal mit jemanden Englisch in freier Wildbahn sprechen zu
koennen. Pearl wuerde auch gerne mal nach Deutschland,
am liebsten fuer einen laengeren Zeitraum. Jedoch hat sie
maechtig Schiss vor auslaenderfeindlichen Skinheads,
die sie vor allem mit dem Ortsnamen Rostock in Verbindung
bringt. Ein wenig kann ich ihre Zweifel zerstreuen. Bars mit
Rockmusik kennen sie in Hanoi leider keine, allerdings gibt die
vietmanesische Band "One" am Samstag ein Konzert.
Schade, dass wir bis dahin schon weitergezogen sind.

Unerwartet problematisch ist die Essensbestellung in
vietnamesischen Restaurants. Zwar bekommt man, was
man bestellt, jedoch regelmaessig in der falschen Anzahl.
Da zwei Leute am Tisch sitzen, werden auch zwei Bier
gereicht - auch wenn man EIN Bier bestellt. Bestellt man ein
Gericht, so wird dieses mengenmaessig fuer die Anzahl der
Leute am Tisch zubereitet.

In Hanoi wurden wir bisher regelmaessig von den Moped
und Rischkafahrern abgezockt. Vor der Fahrt vereinbarte
Preise spielen hier, wenn es ums bezahlen geht, keine
Rolle mehr. Da Hanoi sehr uebersichtlich ist, koennen
wir die wichtigsten Orte auch einfach zu Fuss erreichen.
Um neue Kunden feilschende Rischkafahrer verstehen
uns anscheinend sehr gut, wenn wir ihr Ansinnen auf
Deutsch mit den Worten "Nein, nein, nein! Ihr wollt uns ja
nur wieder abzocken. Das koennt ihr mit den Touristen aus
Amerika machen - mit uns nicht!" ablehnen. Wichtig:
Dabei laecheln!

Hanoi selbst ist eine eher langweilige Stadt in der nicht
viel passiert. Wir besichtigen ein Flugzeugmuseum in der
es eine Menge russische Militaerjets (u.a. MiG 17, 19, 21)
zu bewundern gibt. Zweisprachig mit einer Menge Uebersetzungsfehlern
(der amerikanische Bomber "Super Fortress" wird lustiger
Weise in "Supper Fortress" umbenannt) wird auf Tafeln der
heroischen Taten der vietmanesischen Luftwaffe gedacht.
Mit viel Liebe haben die Kinder einer Grundschulklasse
entscheidende Luftkaempfe mit Watte und Pappe nachgebaut.
Die Watte wird hierbei zur Darstellung der Kondensstreifen
der Jets verwendet. Die Explosion einer amerikanischen
Maschine soll eine in den Rumpf gesteckte rote Papierblume
demonstrieren. Fuer jedes Flugzeug ist stolz die Anzahl
der abgeschossenen Feindflugzeuge aufgefuehrt. Die Piloten
werden hier als grosse Helden gefeiert. Einstellungsvoraussetzung
fuer die Truppengattung scheint der Name "Ngu" zu sein, auf
der Ehrentafel gibt es keinen Piloten, der nicht so heisst.

In das Nachbarland Laos reisen wir per Flugzeug. Eine Reisegruppe
Deutsche am Flughafen identifiziert uns zielsicher als ebensolche.
Renate erkennt in dem Chez-Guevara/Doelfer-T-Shirt das ich trage
Ho Chi Minh. Eine beachtliche Leistung, wenn man sich die Omnipraesenz
Ho Chi Minhs in Vietnam vor Augen fuehrt - nicht zuletzt ist der Kerl
auf jedem Geldschein abgedruckt! Wie man nach ein paar Tagen im
Land Ho Chi Minh mit Chez Guevara verwechseln kann, kann ich nicht
so Recht verstehen.

Laos: Vientiane
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Der erste Eindruck bei einem vierstuendigen Zwischestopp in der
Hauptstadt des Landes truegt auch nach naeherem Hinsehen nicht:
Laos ist einfach nur entspannt. Der lebendige Gegenentwurf zum
Wort Hektik. Vermutlich taucht dieses Wort in der Laotischen
Sprache nicht auf. Laos wirkt wie eine ruhige und gemuetliche
Suedseeinsel. Auf den Strassen, innerhalb der Staedte sind
sie asphaltiert, fahren nur wenige Fahrzeuge. Unglaublich: Bisher
habe ich noch kein einziges Fahrzeug hupen gehoert.

Am Mekong unter einem Schatten spendenden Strohdach sitzend
machen starten wir die ersten Gehversuche mit laotischem Bier.
Es schmeckt genial. Selten habe ich so gutes Bier getrunken,
besser als einiges, was in Deutschland auf dem Markt ist. Der
Reisefuehrer erlaeutert kompentent die Hintergruende: Laotisches
Bier wird aus deutschem Hopfen und Malz gebraut. Als sich
Braumeister der Carlsberg Brauerei den Laden angeschaut haben,
fanden sie nichts, was sich an Rezeptur verbessern liesse. Eine
weise Entscheidung. Als Entwicklungshilfe ist aus Deutschland
eine automatische Abfuellanlage im Betrieb, welches von deutscher
Seite als erfolgreichste Entwicklungshilfe ueberhaupt gefeiert wird.
Ich beschliesse, eine Kiste von dem Zeug nach Deutschland zu
schicken.

Waehrend unseres kurzen Aufenthalts statten wir dem Stadion
der Stadt einen Besuch ab. Im Schatten der Suedkurve sind die
Bueros des laotischen nationalen olympischen Komitees und des
laotischen Fussballverbandes untergebracht. Ob es auch naechste
Woche, wenn wir der Stadt auf dem Weg nach Thailand abschliessend
einen Besuch abstatten werden, ein Fussballspiel gibt, weiss man
dort leider nicht. Wir werden es in Erfahrung bringen. Schoen: In einem
kleinen ca. 20qm grossen Raum ist das olympische Museum und
eine olympische Bibliothek untergebracht. Wer weiss, welche
Erfolge laotische Sportler bei olympischen Spielen bisher feiern
konnten (Biathlon?), moege sich bitte bei mir melden. Falls Dame
irgendwann einmal eine olympische Disziplin wird, werde ich viel
jedenfalls viel Geld auf Laos setzen: In alle Tische sind Damebretter
integriert, gespielt wird haeufig mit Pepsi-Kronkorken. In diesem Spiel
kann der Laote einiges.

1 Kommentar:

Brüggi hat gesagt…

Du weisst nicht was IFA heisst? Dem mann kann gehalfen werden: Industrieverband FAhrzeugbau der DDR

:-)