10.9.04

Markus Altekrueger: Bericht aus Yekaterinenburg

Vier Augen sehen mehr als zwei, deshalb an dieser Stelle ein Reisebericht aus Matzes Perspektive:

Anbei einige schnell zusammen geschusterte Eindruecke der letzten Tage; ich sitze im Sverdlowsker Internetamt mit 3 Arbeitsplaetzen und die Uhr tickt …

Wir hatten seit unser Ankunft fast permanent schoenes Wetter in Moskau. So konnte man die Flugzeuge mit dem Catsan-Werbebanner ueber der Stadt gut erkennen.

Catsan-Werbebanner ueber Moskau?

Richtig gelesen: Catsan ist zu meiner Ueberraschung der Hauptsponsor des 857. Moskauer Stadtgeburtstags und seine Produkte Garant fuer das stest gute Wetter der letzten Tage. Wie zu den guten alten sowjetischen Maifeiertagen werden zur Sicherstellung guten Wetters Flugzeugstaffeln in den Himmel geschickt. Diese lassen von oben Catsan-Katzenstreu auf die Wolken rieseln, die die Feuchtigkeit aufnehmen und zu Boden fallen und so die Wolken vor Erreichen der Stadt aufloesen.

So schlieszt sich der Kreis.

Wo wir schon bei unterschaetzten deutschen Markenprodukten sind, hier noch eines obendrauf:

Was die entwickelte sozialistische Gesellschaft einfach nicht kannte - und was daher nie ein Problem war - scheint nun dringlich zu sein. Calgon sensibilisiert in landesweit ausgestrahlten TV-Spots die Bevoelkerung zum Thema Lochfrasz mit dem sattsam bekannten Sangestext: Waschmaschinen leben laenger mit Calgon ding ding. Willkommen in der Ueberflussgesellschaft, die hier in Form eines sympathischen Waschmaschinenmeister ohne Raeuberbart daher kommt.

Jedem Moskau-Besucher sei ein Besuch des Parks VDNKh ans Herz gelegt. In 69 Pavillons aus allen Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts erwartet den Interessierten eine Leistungsschau des Sozialismus sowie der Sowjetvoelker selbst. Produkten, Landwirtschaft, Wissenschaft und Technik sind diese Gebaeude gewidmet, die im Detail aufwendig verziert sind mit den Insignien von Partei und Staat. Volle Kanne kitschig, aber ich fand’s schoen.

Im Innern der Hallen dann die groeze Ernuechterung: Anstatt Informationen zum Volk der Tadschiken zu liefern, betreiben selbige schwunghaft Handel mit billigsten Autoradios, Straszenbahnsystemen und Klamotten. Lediglich Exponate zum Thema Kosmonautennahrung sind zu bestaunen, fuellen aber gerade mal 1 Glasvitrine, da es sich um relativ junge Kueche handelt.

Ansonsten ist die Lage in Moskau aeuszerst angespannt. Nachdem es letzte Woche zu einem Selbstmordattentat in einem Metroeingang kam und darauf dem Geiseldrama in Beslan, sind vor jedem Gebaeude, das oeffentlich zugaenglich ist, jedem Parkeingang und jedem Metroeingang Sicherheitskraefte von Polizei, Militaer, Militaerpolizei und Polizeimilitaer postiert. Ueberall stehen Metalldetektoren, vor Restaurants und Bars finden Taschenkontrollen statt. Am Tag unserer Abreise waren Kreml und Roter Platz abgesperrt, spaeter auch das Gebiet um unser Hotel. An fast allen Straszenkreuzungen stehen Mannschaftswagen, in denen sich Soldaten hinter zugezogenen Gardinen langweilen. Angeblich wurde ein Anschlag erwartet. Die Zeitungen sprechen von 40% Reisestornierungen nach Russland.

Da auch kein Taxi zum Hotel fahren durfte, mussten wir wieder mal mit dem Gepaeck zu Fusz gehen.

Einsteigen in die Transsib nach Sverdlowsk. Stilsicher wie ich bin folge ich dem Rat meines Transsib-Reisefuehrers, wonach alle reisenden Russen in Trainingsanzuegen unterwegs seien, und stuelpe mir die Nike-Ballonseide in violett/gruen von 1990 ueber. Damit habe ich endlich die Berliner U-Bahn-Sitzbezuege getoppt!

Unser 1. Klasse-Abteil ist flauschig eingerichtet, das Teeservice mit dem Zug- und Routennamen verziert und die Waende gefallen im klassischen Holzdessin. Nur der Flachbildschirm mag sich so gar nicht akklimatisieren und stellt – ebenso wie Joergs zahlreich zum Trocknen aufgehaengte Unterhosen - einen Fremdkoerper in dieser Harmonie dar.

So stramm wie die Provodnitsa (Zugbegleiterin) ist auch ihr Regiment: Sie demonstriert uns, wie die Schuhsohlen abgeputzt werden, verbirgt den geschmackvollen Teppich im Gang unter schuetzendem Velours und schickt uns an jeder Station 10 Minuten vor der Weiterfahrt in unser Abteil zurueck.

Wir benoetigen etwas Zeit, um uns einzugewoehnen. Vertraute Dinge des Alltags arten zu lebensgefaehrlichen Vabanque-Spielen aus. Ich habe in meinem Leben ja schon Minen geraeumt, Beeren erlegt und das Musikantenstadl ueber mich ergehen lassen. Aber das Gieszen von kochendem Wasser aus einer russischen Kanne in eine russische Tasse in einem russischen Bahnwagen auf einem russischen Gleisbett hat mich das erste Mal in meinem Leben zum Schwitzen gebracht.

Die erste grosze Ueberraschung erwartet uns auf dem Bahnsteig unserers ersten Halts. Dort werden uns Glasblumen, Kristallglaeser, Teeservice, Vasen, Stehlampen, Glaesersets, Riesenteddies, Glasgloeckchen- und-schalensets, Messing-Trinkgefaeszsets, ausgestopfte Bussarde und Iltisse, Mammut-Blumentoepfe und Kronleuchter (KRONLEUCHTER!!) aufgezwungen. Alle Offerten eint: Sie sind sperrig, schwer, grosz, nicht zu verpacken und voellig intransportabel. Entweder hat man die Systematik von Angebot und Nachfrage noch nicht verstanden oder - ja nix oder.

Ausfluechte laeszt auch eine Deckenfluterverkauferin nicht gelten, die meine Solvenz gewittert hat und nach dem zehnten NJET immer aggressiver wird und beginnt, mich anzuschreien. Offenbar wird auf diesem Wege eine Nachfrage erzwungen, womit wir die Antwort auf die obige Frage haben.

Das Abteil kann nicht gelueftet werden. Da Joergs Unterhosen den Sauerstoff aufgezehrt haben, werden im Abteil an alle, die nicht arbeiten, Kalipatronen verteilt. Der Blick aus dem Fenster entschaedigt jedoch: Endlose Birkenwaelder, runtergekommene Doerfer und gelegentlich verlassene Fabrikanlagen. Da Russland in der Matschproduktion weltweit fuehrend ist, werden Kinder schon von Kleinauf an den Umgang mit diesem wertvollen Rohstoff gewoehnt.

Ansonsten passiert nichts und wir haben viel Zeit. Der Italiener im Nebenabteil hoert seit 18 Stunden Al Bano und Romina Power und vor dem Fenster tummelt sich bolschewistische Flachdacharchitektur zwischen unbefestigten Straszen. Im Gegensatz zu mir hat sich der Stoff meiner Hose noch nicht an das Klima angepasst und verfaellt zusehends. Ihr koennt mich jetzt den Teufelsnaeher vom Ural nennen.

Aporpos Ural. Der ist als Gebirge eine einzige Enttaeuschung und wird seiner Bedeutung als Trennlinie zwischen Europa und Asien nicht im Entferntesten gerecht. Ein Hoch auf den Teutoburger Wald, der nicht den Macker raushaengen laesst und ehrlich und bescheiden seinen Pflichten nachgeht.

Da der Ural als Kontinentalgrenze nix taugt, haben die russischen Behoerden reagiert und an den Grenzsteinen Schilder mit Aufschriften wie “War schoen mit Ihnen – Ihr Europa” oder “Asien – Kiek mol wedder in!” aufgestellt.

Nach 26 Stunden Fahrt und mit 8 Minuten Verspaetung erreichen wir Sverdlowsk, was sich seit mehreren Jahren wieder Ekaterinburg nennt, was aber offenbar keinen interessiert, da im ganzen Stadtbild ausschlieszlich der Name Sverdlowsk verarbeitet wird. Dasselbe gilt fuer die Straszen, die offiziell neue Namen haben, allerdings nach wie vor mit Straszenschildern a la Ulitsa Karla Liebknechta ausgestattet sind. Diese Konfusion setzt sich in den Straszenkarten und Reisefuehrern fort, weswegen sich es unser Hotel nicht nehmen laeszt, uns am Bahnhof abzuholen, in einen Kleintransporter zu draengen und direkt bis zum Hotel zu fahren. Kostenpunkt: 17 US-Dollar fuer 2 Kilometer.

Nach dem Plattenbausiedlungs-Hotel mit 8000 Zimmern und dem sowjetischen Prestigebunker Rossija mit seinen 280 Meter langen Fluren haben wir es nun etwas persoenlicher. Der Hotelpraesident empfaengt uns mit Handschlag und weist uns eines von 5 Zimmern zu. Es ist das Hotel der Akademie der Geologen (“Halt durch Geolog, gib nicht auf Geolog”) und ist eigentlich kein Hotel, sondern eine Unterkunft fuer Geologiestudenten. Die Frage, was den Geologen reitet, dass er die Drehknaufe saemtlicher Tueren unseres Apartements abmontiert und fein saeuberlich auf die Fensterbank legt und genau so mit den Griffen der Schubladen verfaehrt, geht unter vor dem Problem fehlender Frischwasserzufuhr. Auf der Suche nach den wertvollen Erzen im tauben Gestein haben die Geologen in Ihrem sprichwoertlichen Eifer offenbar eine Wasserleitung gekappt. Doch da Russland voll ist mit Leitungen uebernimmt einfach die Hotelleitung die Aufgabe der Wasserleitung und stellt eine Flasche Wasser neben die Toilette.

Das Amt draengt, Feierabend Hombres!

1 Kommentar:

Brüggi hat gesagt…

Auch wieder: vielen Dank für die netten ausführlichen Nachrichten.
Was schönes aus der Heimat: Pauli hatam Wochenende 3:0 in Paderborn gewonnen.

Christian