9.9.04

Transsib: Moskau - Yekaterinenburg

Endlich die lang erwartete Zugfahrt auf der Transsib von Moskau nach Yekaterinenburg. Wir wollen mit einem Taxi vom Hotel zum Bahnhof, doch heute wimmelt es in Moskau nur so von Sicherheitskraeften. Zunaechst wird nur der Rote Platz abgesperrt, immer mehr Soldaten und andere Sicherheitskraefte sperren dann in den Stunden danach in Spiralform die komplette Innenstadt ab. Als Markus und ich nach einem gepflegten Tischkicker-Spiel zum Hotel kommen, sind keine Taxis mehr verfuegbar und keine Autos in den Strassen. So legen wir auch die letzten Meter vom Hotel zum Bahnhof mit vollem Gepaeck in der uns inzwischen gut bekannten Metro zurueck.

Auch am Bahnhof wird in diesen Tagen das Thema Sicherheit ganz gross geschrieben. Wird das Gleis eines Zuges bekannt gegeben, so setzt sich sofort eine Karawane von Menschen mit viel Gepaeck in Marsch, im Durchschnitt kommen auf einen Reisenden 6 Taschen, die um die 150 kg wiegen muessen. Ich verstehe den Reisefuehrer, welcher die Situation beim Besteigen eines Zuges mit den Worten, “die Russen steigen nicht in einen Zug ein, sie besetzen ihn”beschreibt. Nach fuenf Minuten erscheinen Sicherheitsbeamte und riegeln das Bahngleis ab. Ohne Fahrschein und Kontrolle der Taschen kommt ab jetzt niemand mehr auf den Bahnsteig. Diese Kontrolle laesst sich aber leicht umgehen indem man wartet: Sind beide Sicherheitsleute mit Kontrollen beschaeftigt, so kann man an diesen vorbei ungeprueft auf das weitere Bahngleis maschieren.

Kommt der Zug in einem Bahnhof zum Halten, so stuerzen sich anwesende Einheimische auf die aussteigenden Fahrgaeste und bieten diesen diverse Produkte zum Verkauf an. Beim ersten Halt des Zuges in Vokova wird ausschliesslich billiger und kitschiger Tand angeboten: geschmacklose Glas/Kristall-Services (beliebte Farben: Tuerkis, Violett oder Pink), Kronleuchter, Rosen aus Glas und ausgestopfte (vermutlich auch selbst gefangene) Iltisse, Bussarde und Eulen. Markus fluechtet in den Zug und holt sich lieber frisches Bier als eine Verkaeuferin ob seines mehrfach geaeusserten Desinteresses an ihrer Ware ungehalten und pampig wird. Ein freundlich vorgebrachtes “Njet, spasiba” wird nicht immer verstanden.

Schon nach 300km stinkt unser Abteil wie ein ungesaeuberter Otternkaefig. Vielleicht waere der ausgestopfte Iltis doch eine gute Investition und prima Alibi gewesen. Ursaechlich verantwortlich fuer den Geruch sind neben Koerperausduenstungen (Klimanalage und kein Fenster zum oeffnen, ein klarer Konstruktionsfehler) meine zum Trocknen aufgehaengten, handgewaschenen und klammen Unterhosen und Socken. Das Raumklima bessert sich zusehendes nach entfernen dieser als sie getrocknet sind.

Zum Takt der Bahn auf den Gleisen laesst es sich prima schlafen. Auf dem Ruecken liegend hat man dabei ausserdem einen grandiosen Blick auf den Nachthimmel. Wir verpennen den Halt in Kazan und die Ueberquerung der Wolga. Zur Verpflegung hat sich die Versorgung mit Tuetensuppen aller Art bewaehrt. Frisches Brot dazu gibt es am Bahnsteig zu kaufen. Heisses Wasser wird im Zug umsonst fuer Tee oder eben Tuetensuppen gereicht.

Das Gruenzeug in der Toilette entpuppt sich spaeter als Petersilie, welche neben anderen Lebensmitteln an der Strecke verkauft wird. Aber wozu sollen wir uns einen Sack Kartoffeln oder getrockenete und geraeucherte Fische kaufen, wenn wir sie waehrend der Fahrt nicht zubereiten koennen? Die Kontrolleurin greift bei dieser Ware zu, aber vielleicht befindet sich in ihrem Abteil ja auch eine kleine Kueche. 10-5 Minuten vor der Abfahrt winkt sie uns bei einem Stopp ueberpuenktlich in den Zug zurueck. Ist sie der Meinung, der Stopp sei zu kurz, so laesst sie uns manchmal auch einfach nicht aussteigen.

Die anfaengliche halbstuendige Verspaetung des Zuges haben wir nach 18 Stunden wieder aufgeholt. Ein Zeitplan mit derartig grossen Pausen wuerde auch der Deutschen Bahn zu einer hoeheren Kundenzufriedenheit in Bezug auf Puenktlichkeit verhelfen, hier kann sich Herr Mehdorn noch einiges von den Russen abschauen!

Entaeuschend ist der Ural, das Grenzgebirge zwischen Asien und Europa. Auf Landkarten ist es riesig braun eingezeichnet, faehrt man hindurch, so erinnert es an den Teutoburger Wald, hoeher reichen die bewaldeten Berge nicht. Um den Effekt einer Uraldurchquerung zu simulieren, empfehle ich eine Zugfahrt von Detmold nach Altenbeken. Diese mehrfach, so 4-5 Stunden lang.

Yekaterinenburg ueberrascht uns Positiv. Ein Fluss namens Iset fliesst der Alster gleich durch diese Stadt. Auf Plakaten wird fuer die Fussballpartie zwischem dem Erstligisten Ural Ekaterinenburg gegen Nosta geworben. Dieses Spiel werden wir uns morgen vor der Abreise nach Irkutsk selbstverstaendlich nicht entgehen lassen. Das Hotel ist billig und in einem herunter gekommenen Block. Klasse, so habe ich mir das hier immer vorgestellt. Vielleicht gibt es ab dem 2. Stockwerk und aufwaerts morgen wieder fliessendes kaltes Wasser. Die Installateure haben auf der Strasse schon einmal den Asphalt aufgebrochen und flicken an rostigen Wasserleitungen herum. Wir druecken ihnen die Daumen und wuenschen gures Gelingen, damit wir uns morgen wieder einmal Duschen koennen. Presslufthammer werden hier uebrigens ausschliesslich mit einem Elektromotor verwendet.

Kommentare:

arendT hat gesagt…

Hi Jörg,

kommst Du neben dem Berichteschreiben eigentlich auch noch zum Reisen?

Gruss,

Thomas

Maike hat gesagt…

Hallo JöDö,

Deine Reiseberichte sind wirklich lesenswert und unterhaltsam. Aber hat es einen besonderen Grund, daß in jedem Abschnitt Deine Unterhosen auftauchen? Ich hoffe aber bei Dir ist während der längeren Sitzpause, die Du hattest alles wieder verheilt...
Viel Spaß noch,
Maiky

JöDö hat gesagt…

In meinem Schrittbereich ist inzwischen alles verheilt. Auch grosse stunden andauernde Maersche mit vollem Gepack shocken mich nich mehr und bringe mich auc nicht meh so scweinisch zum schwitzen. Schoen, das sich ein Koerper so schnell auf ein neue Herausforderung einstellen kann....

Auch meinen Unterhosen geht es prima. Sie stinken nicht mehr und sind troken. Von diesem Kleidungsstueck hbe ich definitiv zu wenig eingepackt. In Russland habe ich schon eine Menge gesehen, aber keine H und M Filiale, welche meine bevorzugten Lieferanten sind.

Auch im naechsten Artikel werde ich dieses heikle Thema wieder anchneiden. Maike ist als erste dieser running gag aufgefallen!!

Artikel notiere ich mir wahrend der Fahrt, so dass ich sie im Internetcafe nur noch abtippe muss...

Schoene Gruesse, Joerg

Popart hat gesagt…

interessant zu lesen - da könnte man gleich den rucksack packen und wieder losziehen :-)
viele grüße